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Künstlerischer Blick auf „Schindlers Liste“

Rendsburg Künstlerischer Blick auf „Schindlers Liste“

Das Jüdische Museum Rendsburg zeigt Illustrationen von Erhard Göttlicher zu dem Roman von Thomas Keneally.

Rendsburg. Vor gut 20 Jahren war der Spielfilm „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg in aller Munde — heute ist er nur noch wenigen Menschen bekannt. Bereits 1983, knapp zwölf Jahre vor dem Film, hatte die Zeitschrift „Stern“ den Tatsachenroman des Australiers Thomas Keneally, auf dem Spielbergs Film beruht, in Fortsetzungen abgedruckt. Die Illustrationen für die Roman-Folgen schuf Erhard Göttlicher, die Originale sind jetzt zusammen mit Horvath-Illustrationen im Jüdischen Museum in Rendsburg zu sehen.

Seit 1971, damals war er noch Student, arbeitete Göttlicher für den „Stern“ als Illustrator. „Ich habe mir so mein Studium verdient“, erzählt der Künstler in Rendsburg vor Eröffnung der ihm gewidmeten Ausstellung. „Die Bilder zu ,Schindlers Liste‘ aber waren eine ganz besondere Herausforderung.“ Auf 15 Schlüsselszenen des Buches hat sich Erhard Göttlicher konzentriert. Diese Szenen sind von grauenhafter Genauigkeit, sie zeigen den Schrecken des Holocaust mit aller Präzision, zu der Kunst fähig ist.

Die Inspirationen zu seinen Bildern fand Göttlicher zum Teil in Fotografien: „Das Bild der beiden KZ-Wärterinnen mit ihrem üblen Gesichtsausdruck ist bekannt. Im Original aber fehlt das sieghafte Lächeln, fotografiert wurden die beiden nach ihrer Festnahme durch die Alliierten. Meine Aufgabe war es, aus der Vorlage wieder zwei brutale Walküren zu schaffen.“ Das ist Erhard Göttlicher perfekt gelungen.

Fotografien aber waren nicht die einzigen Anregungen für Göttlicher. „Ich habe den ehemaligen KZ-Insassen Mieczyslaw ,Mietek‘ Pemper kennengelernt“, erzählt Göttlicher. „Pemper war persönlicher Schreiber des KZ-Kommandanten Amon Göth im Lager Krakau-Plaszow. Dort bekam er mit, dass alle Lager mit nicht kriegswichtiger Produktion aufgelöst und die Häftlinge ermordet werden sollten. Diese Information ließ er Oskar Schindler zukommen, der daraufhin die Produktion seiner Fabrik von Waschbecken auf Granathülsen umstellte. So konnte Schindler 1200 Juden retten.“ Von Pemper ließ sich Göttlicher typische KZ-Aufseher schildern, „wie ein Polizei-Zeichner“ habe er sich dabei gefühlt. So sind die Illustrationen zu „Schindlers Liste“ eine Mischung aus Typologie und Bearbeitungen realer Vorbilder.

In einer ganz eigenen Technik, die auf einer mit Bleistift gezeichneten Vorlage beginnt, die dann farbig oder in Grautönen mit Tusche überhöht wird, entstanden die Bilder von Erhard Göttlicher. Seine Darstellungen sind realistisch, er gehört auch — obwohl in der Steiermark geboren — zum Kreis der „Norddeutschen Realisten“.

Der zweite Teil der Ausstellung im Jüdischen Museum Rendsburg, das zu den Landesmuseen Schloss Gottorf gehört, zeigt Arbeiten Erhard Göttlichers zu Theaterstücken Ödön von Horvaths. Diese Bilder sind reine Typologien. Oder anders ausgedrückt: So wie Göttlicher Wiener Fleischhauer dargestellt hat, stellt man sich die Vertreter dieses Berufsstandes in den 1920er Jahren auch vor. Übergewichtig im körperlichen, untergewichtig im geistigen Sinne und vor allem beseelt mit dieser gefährlichen Wiener Gemütlichkeit, die vor nichts halt macht und der subtilste und zugleich perfideste Ausdruck von Menschenverachtung ist, den man sich denken kann. Entstanden sind die Horvarth-Illustrationen für eine Textausgabe von Dramen des im Exil gestorbenen Autors, die 1984 bei der Büchergilde Gutenberg erschienen ist. Die Illustrationen sind erstmals öffentlich zu sehen. „Horvarth hat mich schon beschäftigt, bevor ich den Auftrag von der Büchergilde bekam“, sagt Erhard Göttlicher. „Seine Dramen hatten um 1980 eine kleine Wiedergeburt erlebt, ähnlich wie auch in den vergangenen Jahren. Die Beschreibungen des Lebens der kleinen Leute, die haben mich immer sehr berührt.“ Das merkt man den Blättern an.

Die Ausstellung ist von morgen an bis zum 1. Mai im Jüdischen Museum Rendsburg zu sehen. Es gibt ein großes Rahmenprogramm.

Jürgen Feldhoff

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