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Kunst, die die Augen öffnen will

Schleswig Kunst, die die Augen öffnen will

Harald Duwe und die „Heile Welt“: Schloss Gottorf in Schleswig widmet dem 1984 gestorbenen norddeutschen Künstler eine große Ausstellung.

Johannes Duwe vor den Strandbildern seines Vaters „Ulrikes Kindheit“ und „Selbstauslöser“.

Quelle: Fotos: Marco Ehrhardt (2)

Schleswig. Er hat Folterszenen gemalt, den Vietnamkrieg, seinen Schwiegervater auf dem Sterbebett, eine brutale Szene bei Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten in Brokdorf. „Diese Bilder verstören“, sagt Christian Walda. Er ist Kurator der Ausstellung in der Reithalle von Schloss Gottorf, die das Werk des Malers Harald Duwe zeigt.

LN-Bild

Harald Duwe und die „Heile Welt“: Schloss Gottorf in Schleswig widmet dem 1984 gestorbenen norddeutschen Künstler eine große Ausstellung.

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Der Künstler aus dem Hamburger Arbeiterviertel Rothenburgsort hat den Menschen Dinge gezeigt, die viele nicht sehen wollten. 1984 kam er bei einem Autounfall ums Leben. In diesem Jahr wäre er 90 Jahre alt geworden. Dieser runde Geburtstag ist Anlass für die Ausstellung. Aber: „Wir zeigen Harald Duwe nicht, weil er 90 geworden wäre, sondern weil er gut ist“, sagt Walda.

Duwe, realistischer Maler in einer von Abstraktion dominierten Zeit, gilt den Landesmuseen als einer der wichtigsten Künstler Norddeutschlands. Er war seiner Zeit stark verhaftet. Krieg und Gewalt, die Verbrechen der NS-Zeit und das Schweigen darüber, die Konsumgesellschaft, die Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt waren seine Themen, aber auch die Verletzlichkeit und die Vergänglichkeit des Menschen. Duwe war ein politischer Künstler. 1969 wurde er Mitglied der SPD, die er wie auch Günter Grass, Alexander Kluge oder Rainer Werner Fassbinder öffentlich unterstützte.

Da mutet der Titel der Ausstellung seltsam an: „Heile Welt“. Er ist nicht nur ironisch gemeint, sondern zielt auf Duwes Auseinandersetzung mit der verdrängten Vergangenheit, mit Wunschvorstellungen von den Menschen und der Welt. Dabei hat Duwe zu Beginn seiner künstlerischen Karriere vor allem Landschaften und Porträts gemalt. Denn die ließen sich am besten verkaufen. „Und Geld brauchte die junge Familie dringend“, schreibt Walda im Katalog zur Ausstellung.

Erst später wandte er sich den Themen zu, die heute als für ihn typisch gelten. Etwa 100 Arbeiten werden in der Ausstellung präsentiert – thematisch gegliedert nach „Porträts“, „Landschaften“, „Körperstücke“, „Gewalt“, „Gesellschaft“ oder auch „ Strand als soziale Bühne“. Die Bilder verstören nicht nur, sie berühren, schockieren, amüsieren. Manchmal alles zugleich. Und zwar ganz und abhängig von Vorkenntnisse der Betrachter. „Ich möchte Bilder malen, die jedermann begreifen kann“, hat Duwe über seine Kunst gesagt.

Das Gemälde „Lager“ stellt vier Menschen dar, nackt, gequält, gebrochen, Schemen ihrer selbst auf oder in ihren Betten. Fast unmöglich, nicht an Auschwitz zu denken. „Große USA-Allegorie“ (1983/84) zeigt Verwundung, Schmerz, Gewalt und eine Miss Liberty in knappem Badeanzug mit Totenfratze und Gewehr in der Hand. Ein überlebensgroßer Ronald Reagan mit Cowboyhut grinst den Betrachter an. Auf dem Strandbild „Selbstauslöser“ (1970) posiert ein nacktes Paar. Die Mode der Zeit lässt sich an den übergroßen runden Sonnenbrillen erkennen. Einen Ausschnitt aus der Arbeitswelt hat der Künstler in seinem Bild „Büro“ (1958-60) mit Frauen an Fernschreibern festgehalten, Auswüchse des Wohlstands in einer Szene an der Supermarktkasse „Kaufen ist Leben“ (1978-82).

Harald Duwe war seit 1951 verheiratet mit der Künstlerin Heilwig Ploog (*1924). Ihre drei gemeinsamen Kinder Katharina, Johannes und Tobias sind ebenfalls Maler geworden. Sein Vater habe ihn auch künstlerisch geprägt, sagt Johannes Duwe (59). Die Auffassung, dass eine zeitgebundene Kunst wie die seines Vaters mit den Jahren und Jahrzehnten versinke, halte er für falsch. „Das Authentische und das Einnehmende beruhen doch gerade darauf, dass wir mit den Augen der Maler einen Einblick in die jeweilige Zeit erhalten.“ Zeitlose Kunst werde irgendwann langweilig, weil sie überall und immer gleich sei, sagt Duwe. Die Kunst werde dann überleben, wenn sie es schaffe, das Allgemeine anhand des Besonderen wiederzugeben. Johannes Duwe: „Das macht Kunst ewig.“

„Harald Duwe. Heile Welt“, Reithalle, Schloss Gottorf. Eröffnung heute mit geladenen Gästen. Zu sehen ab Montag bis bis 30. Oktober. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm.

Drei Fragen an Harald Duwe

1 Wie haben Sie sich dem Künstler bei den Vorbereitungen für diese Ausstellung genähert? Als ich das Werk durchging, habe ich festgestellt, dass es sich in den 1960erJahren verdichtet. Die Körperstücke, die in dieser Zeit entstanden sind und die mich am meisten fasziniert haben, sind die Grundlage für die politische Aussage. Der Realismus geht zwar meistens von der Figur, dem menschlichen Körper aus. Das ist aber bei Harald Duwe in einer besonderen Form der Fall – sehr existentialistisch und sehr verdichtet.

2 Sie gehören der Enkelgeneration von Duwe an. Welchen Zugang hatten Sie zu diesem Künstler? Mein Forschungsschwerpunkt bei meiner Promotion war Realismus und menschliche Leidensfähigkeit. Wir Menschen sind keine Geister, die man nicht foltern kann. Terror – auch der des IS – beruht darauf, dass Menschen Angst haben, weil wir körperliche Schmerzen empfinden. Durch diese Schmerzempfindlichkeit ist unsere Fähigkeit zum Mitleid begründet. Wir haben nicht Körper, sondern sind Körper – auch wenn das von vielen nicht akzeptiert wird. Die materialistische Reduzierung auf das Kreatürliche ist das Fundament, auf dem bei Duwe alles weitere aufbaut.

3 Da erübrigt sich fast die Frage nach der Aktualität. Die bleibt. Denn er behandelt Themen, die existentiell sind und eine Grundsatzfrage, um die kein Mensch herumkommt. Manche glauben, dass es zwei Welten gibt und eine Besserung im Jenseits. Harald Duwe sagt: Es gibt nur das Diesseits. Wir können nicht auf eine andere Welt vertrauen. Wenn wir etwas verbessern wollen, dann jetzt. liz

 Liliane Jolitz

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