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Kunst, die provozieren will

Kassel Kunst, die provozieren will

Auf der Documenta 14 gibt es so viel Performances zu sehen wie nie. Aktionen sind die provokativste Form der Kunst.

Kassel. . Soll man das Maschinengewehr anlegen, den roten Zielpunkt im Visier auf Regina José Galindo richten und abdrücken? Die Künstlerin hat sich in einem kalt-weißen Raum eingeschlossen. Draußen hängen vor vier Schießscharten in den Ecken Maschinengewehre – aus Plastik. Die Szenerie ist beunruhigend. Wie hoch ist die Hemmschwelle, auch abzudrücken? Das fragt sich auch eine Museumsbesucherin, die mit ihrem 13-jährigen Sohn im Stadtmuseum eigentlich mehr über die Geschichte Kassels lernen wollte. Doch die Documenta 14 ist auch hier eingezogen: Mit einer Scheinhinrichtung als provokativer Kunst-Performance, die sich mit den Mechanismen der Gewalt auseinandersetzt. Und so zielt der 13-Jährige nun auf die unbewegt in der Mitte des Raums stehende Galindo.

Performances ziehen sich wie ein roter Faden durch die von Adam Szymczyk kuratierte Documenta, die morgen offiziell eröffnet wird. Weg von der Malerei, hin zu Interventionen, das hat in Kassel spätestens seit Joseph Beuys eine besondere Tradition. Beuys gilt als einer der wichtigsten Väter der Performancekunst in Deutschland. Auch seine Performances waren hochpolitisch wie etwa sein Büro der „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ auf der Documenta 1972. Dort wurde 100 Tage lang diskutiert.

Man kann von den Performances der Documenta 14 erschüttert werden wie von Galindos Erschießungsszenerie, man kann aber auch achtlos an ihnen vorbeilaufen, ohne sie überhaupt als Kunstwerk zu erkennen. Etwa wenn sich das Künstler-Duo Prinz Gholam auf dem alten Friedhof am Lutherplatz zeitlupenlangsam und in unauffälliger Kleidung an Grabsteine lehnt. Viele Passanten kommen gar nicht an dem etwas abseits gelegenen Platz vorbei. Und noch weniger Menschen dürften Notiz von den beiden Künstlern nehmen, die Posen berühmter Bilder der Kunstgeschichte nachstellen. Von Kunst „an der Grenze zur Sichtbarkeit“ hatte eine Documenta-Kuratorin gesprochen.

Manchmal stolpert der Besucher aber geradezu über Performance-Künstler. Etwa im Treppenhaus des ehemaligen Hauptpostgebäudes. Dort liegt eine junge Frau wie tot am Boden, die Augen weit geöffnet. Die Choreographin Maria Hassabi und ihre Tänzer liegen überall in dem ehemaligen Postverteilzentrum im Weg und bewegen sich zeitlupenlangsam. Zum politischen Anspruch der Documenta passt es, dass eine von Hassabis Performerinnen direkt vor der Tür des Regionalbüros für die Betreuung minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge liegt. Doch einige hundert Meter von der Hauptpost entfernt, zwischen Kebap-Grills und türkischen Cafés der Nordstadt, nehmen die Menschen von dieser Documenta, deren Kernthemen Flucht, Vertreibung und Migration sind, schon keine Notiz mehr.

Im aktuellen heißen Kunstsommer mit der Biennale in Venedig, der Documenta in Athen und Kassel sowie den morgen beginnenden Skulptur-Projekten Münster, erlebt die flüchtige und vergängliche Kunstform Performance einen neuen Boom. Die Beuys-Expertin Bettina Paust, Leiterin des Beuys- Archivs am Museum Schloss Moyland, sieht eine wachsende Bedeutung dieser grenzüberschreitenden freien Form in der aktuellen Kunst.

Nicht immer erschließt sich aber dem Zuschauer der tiefere Sinn der theatralischen Darbietungen. In der Neuen Galerie etwa hängt sich die Künstlerin Yael Davids während ihrer 40-minütigen Performance kopfüber an ein verknotetes Seil und liest einen Text vor.

Man muss nicht alles verstehen auf dieser Documenta – das jedenfalls wird in einer „Flüsterperformance“ deutlich. Eine Stimme aus dem Off flüstert im Garderobenraum der Neuen Galerie immer wieder: „Ignoranz ist eine Tugend, Ignoranz ist eine Tugend.“

Dorothea Hülsmeier

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