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„Kunst hat kein Verfallsdatum“

„Kunst hat kein Verfallsdatum“

Groß Grönau. Sie feiert kein Comeback, denn ihr künstlerisches Schaffen ruhte nicht, sie hat den Prozess nur nicht öffentlich gezeigt. Nach zehn Jahren Pause stellt Hanne Kühner nun Bilder und Bildreliefs aus Holzfaserplatten und Stahl bei Müller & Petzinna in Groß Grönau aus.

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Die Künstlerin Hanne Kühner vor einer Arbeit auf MDF (Abkürzung für „Mitteldichte Holzfaserplatte“), bemalt mit Tinte, die sie erst kurz vor ihrer Ausstellung fertiggestellt hat.

Quelle: Foto: Ulf-Kersten Neelsen

Der Titel der Ausstellung heißt „immer.weiter.gehen“. Er charakterisiert nicht nur die Arbeiten, sondern auch die Künstlerin. Selbst wenn die Umstände widrig sind, setzt die 68-Jährige ihren Weg fort. Ihre erste Ausstellung hatte die Wahllübeckerin 1990 in der Hansestraße, ihre Werke waren im Burgkloster und in Cismar zu sehen, sie lud ein zu Ausstellungen in ihre ehemaligen Ateliers in der Fleischhauer- und in der Hafenstraße.

In der jüngsten Zeit, in der sie kein Atelier hatte, arbeitete sie in einem Zelt in ihrem riesigen Schrebergarten auf dem Gelände des Kleingartenvereins Mühlentor in St. Jürgen. Sie ließ sich weder von den „Maschinenzeiten“ noch den schlechten Lichtverhältnissen entmutigen – immer. weiter. gehen.

Die Künstlerin kultivierte in ihrem Garten ihre Technik, in ihren Arbeiten Bienenwachs zu verwenden, wurde Imkerin, legte sich einen eigenen Bienenstock an. Sie kombinierte in einigen Bildern gelbes Wachs mit dunkler Tinte, so dass besondere Farbräume entstanden sind. Auf einem Bild hat sie ein zusammenhängendes Bienenwaben-Stück integriert. „Kunst hat, wenn sie gut ist, kein Verfallsdatum“, sagt die Künstlerin. Sie hat die Chance genutzt, in der aktuellen Ausstellung auch ältere Arbeiten zu zeigen. So kann der Betrachter nachvollziehen, wie sich ihre Art zu arbeiten im Laufe der Jahre verändert hat, aber ihre Handschrift diesselbe geblieben ist: Sie liebt den handwerklichen Gestaltungsprozess. Ihre Arbeiten zeigen sich stets in einem buchstäblich neuen Licht – je nach Tageszeit und Lichteinfall. Die abstrakten Motive haben einen Bezug zu Naturphänomenen – durchfurchte Landschaften, glitzernde Wasseroberflächen, Wellen und Meer.

An ihren Türblattformaten, ältere Arbeiten, hat sie Leinwand mit Farbe und Asche bearbeitet. Hier ist schon zu erkennen, dass es der Künstlerin auf Struktur und Plastizität ankommt. „Leinwand eignet sich dafür nur begrenzt,“ erläutert sie ihren Schritt, mit der Flex auf MDF (Mitteldichte Holzfaserplatte) und hartem Stahl zu zeichnen. Die Linien, Furchen und Kerben, Gabelungen und Überschneidungen, die dann entstehten, versieht Hanne Kühner mit schwarzer Tinte. Partiell gibt es kleine Durchbrüche, Einblicke in die Tiefe. Farbverläufe stoppt sie mitunter, erzeugt so Spannung.

Die „Tonigkeit“ ihrer Werke bestimmt der Bildträger: Stahlreliefs schimmern silbern oder sind nach dem Oxidieren rostrot. Brandspuren liefern schwarze Linien. Ein Relief, auf dem die Künstlerin Rost mit Blattgold kombiniert, wirkt edel. Schwarz-, Grau-, Braun- und Rosétöne entfalten sich auf den MDF-Platten je nachdem, wie sich der Untergrund mit der Tinte verbindet. Dynamik erzeugt der Auftrag der Farbe sowohl in der Senk- als auch in der Waagrechten.

Vernissage heute 19 Uhr, Bilder und Reliefs von Hanne Kühner, Müller & Petzinna, Groß Grönau

2000 Kilometer unterwegs

Wie die meisten freischaffenden Künstlerinnen und Künstler kann auch Hanne Kühner nicht von ihrer Kunst leben. Sie verdiente in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihr Geld als Grafikerin im Lübecker Kulturbetrieb. Vor drei Jahren hängte sie ihren Managerinnen-Job im Marketing im Lauenburgischen an den Nagel, klinkte sich ein halbes Jahr aus. In der Zeit wanderte sie 2000 Kilometer in Richtung Nordkap. Wieder zurück in Lübeck, erwarb sie einen Schrebergarten und arbeitet dort in einem Zeltatelier.

Dorothea Kurz-Kohnert

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