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„Kunst ist heute kein Luxus mehr“

„Kunst ist heute kein Luxus mehr“

Der Lübecker Galerist Hubertus Hoffschild profitiert nicht vom Kunst-Boom, doch auch für ihn ist der Markt stabil.

Der internationale Kunstmarkt boomt. Auf Auktionen werden Erlöse in dreistelliger Millionenhöhe erzielt. Gerhard Richter, dessen Werke zu Höchstpreisen verkauft werden, nennt die Entwicklung irrsinnig. Spüren auch Sie einen Boom?

Hubertus Hoffschild: Die Leute kaufen nicht bei mir ein, weil sie glauben, mit Kunst sehr viel Geld verdienen zu können. Aber ich stelle fest, dass das Bewusstsein für Kunst, für Qualität und für Preise gewachsen ist. Ich werde jetzt häufiger von Kunden gefragt, wie Preise zustande kommen. Und vermehrt wollen Kunden auch wissen, ob Kunst eine Wertanlage ist.

Wie ist Ihre Antwort?

Hoffschild: Preise ergeben sich immer aus einem Vergleich. Aus einem Vergleich mit Künstlern, die eine ähnliche Vita und Ausbildung haben. Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen sind ein weiteres wichtiges Kriterium. Und natürlich der Markt.

Ist die Nachfrage nach Kunst auch in dem Segment, das Sie bedienen, gestiegen?

Hoffschild: Nicht wesentlich. Aber aufgrund der guten wirtschaftlichen Situation ist die Bereitschaft größer als noch vor zehn Jahren, in Kunst zu investieren. Auf dem Konto bringt Geld derzeit keine Zinsen, der Aktienmarkt ist ausgereizt, die Energiekosten sind niedrig. Da fällt es leichter, sich ein Bild zu leisten. Kunst ist kein Luxus mehr.

Wer sind Ihre Kunden, wer kauft Kunst?

Hoffschild: Angehörige aller gesellschaftlichen Schichten. Ausschlaggebend sind die Liebe zur Kunst und der Spaß an der Kunst. Wirtschaftliche Überlegungen spielen nur selten eine Rolle. Wer einen Klaus Fußmann für mehrere tausend Euro kauft, wie kürzlich geschehen, weiß aber natürlich, dass es sich um einen sicheren Wert handelt, dass man — wenn man verkaufen muss — dafür jederzeit Abnehmer finden wird.

Wie viel Geld muss ich übrig haben, um ein Kunstwerk kaufen zu können?

Hoffschild: Für wenige hundert Euro kann man eine Radierung, einen Holzdruck oder eine Lithographie bekommen. Das ist dann zwar kein Unikat, aber ein Original- Kunstwerk. Ab etwa 2000 bis 3000 Euro kann man einen sicheren Wert erwerben. Nehmen wir zum Beispiel ein Gemälde des Itzehoer Malers Friedel Anderson, den ich vertrete. Wenn der Käufer es eines Tages veräußern muss, würden Auktionshäuser in Hamburg oder Kiel ein solches Bild immer nehmen. Niemand kann aber garantieren, dass damit ein Gewinn zu machen ist.

Was verkauft sich besonders gut?

Hoffschild: Ölmalerei steht nach wie vor an erster Stelle. Und dabei vor allem figurative Malerei, auf die ich mich konzentriere. Anders sieht es in Berlin, Hamburg, Köln oder München aus. Dort können sich auch Galerien für Fotografie, für Video oder Konzeptkunst behaupten, für die hier das Publikum fehlt.

Welche Motive sind beliebt?

Hoffschild: Eigentlich alle klassischen Sujets mit Ausnahme von Porträts. Norddeutsche Landschaften sind begehrt, Küsten- und Rapsbilder. Aber auch Stilleben.

Käufer holen sich gern die eigene Umgebung ins Wohnzimmer?

Hoffschild: Das kann man so sagen.

Müssen Künstler für den Geschmack von Käufern malen, um sich zu behaupten?

Hoffschild: Das ist nicht ratsam. Für Bilder von Friedel Anderson gibt es Wartelisten. Die Nachfrage ist hoch nach Rapsbildern, gedeckten Tischen, Brandungen, Kirchen-Interieurs mit Lichteinfall.

Aber er arbeitet nicht auf Bestellung.

Woran kann man qualitätsvolle Kunst erkennen?

Hoffschild: Dafür gibt es keine allgemeingültigen Kriterien. Was gut ist, entscheidet zunächst jeder für sich selbst. Für mich ist in der Begegnung mit dem Werk eines für mich neuen Künstlers entscheidend, ob ich darin etwas Neues sehe, ob das Werk mich anspricht und berührt.

Malerei gilt als überholt. Überlebt sie nur in Ecken der künstlerischen Stille?

Hoffschild: Malerei ist schon mehrfach totgesagt worden, war es aber nie. Joseph Beuys hat einmal gesagt, dass ein Künstler schon einen Fehler begehe, wenn er eine Leinwand aufstelle. Das sollte heißen, dass für ihn Malerei out und rückständig war und nicht mehr gebraucht wurde. Das stimmte aber in den 1970er und 1980er Jahren nicht und stimmt bis heute nicht, auch wenn anderes wie Video-, Installations- oder Konzeptkunst für wichtiger gehalten wurde und wird. Hier kehre ich zum Ausgangspunkt dieses Gespräches zurück: Nach wie vor ist es Malerei, die begehrt ist und teuer gehandelt wird.

Wodurch behauptet sich Malerei in einer Zeit, in der die Menschen von einer Flut an Bildern überschwemmt werden?

Hoffschild: Die Qualität liegt darin, dass ein Künstler Bilder erschaffen kann, die man selbst nicht wahrzunehmen in der Lage ist. Überall stürzen viele Eindrücke auf uns ein. Da tut es gut, ein Bild zu betrachten, das Ruhe ausstrahlt, nicht flimmert, sich nicht ständig innerhalb von Sekunden-Bruchteilen verändert. Vor einem Gemälde kann man lange stehen, in Ruhe mit ihm kommunizieren, es auf sich wirken lassen und sich den Gedanken hingeben, die es in einem hervorruft.

Interview: Liliane Jolitz

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