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Kunst vom Land

Büchen Kunst vom Land

Eine seltene Mischung: Ludwig Vöpel aus Büchen im Lauenburgischen ist Bauer und Künstler.

Derzeit ist der Skulpturenpark ein Streitpunkt zwischen dem Künstler und der Gemeinde.

Quelle: Malzahn

Büchen. Der Findling wiegt mehr als 20 Tonnen. Rotgranit. 1,8 Milliarden Jahre alt. Vor ein paar Eiszeiten lag er noch oben im Norden, dort, wo man heute Stockholm findet. Jetzt ruht er auf Stahlträgern vor Ludwig Vöpels Haus. Die Eiche daneben ist aus dem 17. Jahrhundert, über das Kopfsteinpflaster darunter hätte Martin Luther laufen können. Und wenn man das alles zusammen nimmt, kann man bei Ludwig Vöpel wohl eine besondere Beziehung zur Zeit vermuten, zum Werden und Vergehen.

LN-Bild

Eine seltene Mischung: Ludwig Vöpel aus Büchen im Lauenburgischen ist Bauer und Künstler.

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Da liegt man nicht ganz falsch. Landwirte und Künstler haben eine besondere Beziehung zum Werden und Vergehen. Und weil Vöpel beides ist, fällt sie bei ihm vielleicht noch etwas deutlicher aus.

Deshalb arbeitet er bei seinen Skulpturen auch mit Stahl und Stein. Sie lassen die Jahre leichter an sich vorüberziehen. Sie haben einen „hohen Ewigkeitswert“, so nennt er das.

Ludwig Vöpel ist 72 Jahre alt. Ein großer Mann, die Hände haben viel angepackt über die Jahre. Er war der Älteste von vier Geschwistern, und es war klar, dass er den elterlichen Hof übernehmen würde.

Er hat das gern gemacht. „Landwirt, das war ja mein Beruf“, sagt er. Aber er war immer auch mehr. Es arbeitete in ihm immer auch eine künstlerische Seele. Und wenn man heute mit ihm durch sein Haus geht oder durch Büchen fährt, lässt sich das auch besichtigen.

In der Dielen-Galerie auf dem Hof finden sich Bilder, große Formate oft, Ölmalerei. Man wird an Expressionisten erinnert, an den Kubismus, an Picasso und Magritte. Frauen tauchen auf in den Bildern, Krähen, die Sonne, und immer wieder Äcker und Feldwege, Dörfer und Himmel. „Das kleine und das große Universum“, sagt er. Und wenn sich die Äcker und Feldwege im Himmel verlieren, wenn sie immer weiter führen ins Unendliche, dann wird darin eine Melancholie deutlich, eine Suche nach etwas, das abhanden zu kommen droht.

Vöpel beobachtet den Verfall einer Zeit in den Dörfern. Er sieht, wie sich Strukturen auflösen. Über Jahrhunderte sind sie gewachsen, und heute gehen sie binnen einer Generation verloren. Er hält das fest in seinen Arbeiten, wenigstens das. Und er fühlte sich gut beschrieben, als ihn mal jemand den „Chronisten einer untergehenden Agrargesellschaft“ nannte.

Aber er hat auch gezeichnet, politische Karikaturen mit feinem Strich. Er war bis um sieben im Stall, hat geduscht und gegessen, bei der „Tagesschau“ nach Ideen gefahndet, bis um elf gezeichnet, ist schnell zum Briefkasten, und dann erschienen seine Arbeiten in verschiedenen Zeitungen, auch in den Lübecker Nachrichten.

Die Skulpturen kamen später hinzu. Sie wurden mehr, und sie wurden größer. Bis zu zehn Meter hohe Arbeiten aus Stein und Stahl hat er geschaffen. Sie stehen heute in Lauenburg und Lüneburg, bei einem privaten Käufer in Chile oder vor dem Landwirtschaftsministerium in Bonn. Und sie stehen auch in Büchen, unter anderem in einem Skulpturenpark beim Bahnhof an der Strecke Hamburg – Berlin. Allerdings sind einige von Unbekannten zerstört worden. Auch wächst das Kraut hoch, und überhaupt ist die Sache zwischen ihm und der Gemeinde momentan ziemlich verfahren. Ein schwieriges Kapitel.

Er hat früher malen als sprechen können, sagt er. Trotzdem hat er in den Siebzigerjahren ein Fernstudium gemacht. Design, Malerei, Zeichnen, zweieinhalb Jahre neben der Arbeit. Und er hatte einen Onkel in Lauenburg, der sich mit ihm hingesetzt und gezeichnet hat. Bäcker war der, hatte aber auch Kunst studiert. Bei ihm, sagt er, hat er mehr gelernt als beim Fernstudium.

Bauer und Künstler ist eine seltene Mischung. Er kennt auch niemanden sonst mit dieser Kombination. Aber als Exot unter seinen Landwirtskollegen hat er auch nicht gegolten, sagt er. „Da habe ich nie ein Problem gehabt.“ Den Hof bewirtschaftet er schon seit Ende der Neunzigerjahre nicht mehr, die einst mehr als 40 Hektar Land sind verkauft oder verpachtet. Die drei Kinder – Sohn Henning ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts – hatten andere Pläne.

Aber Kunst macht er nach wie vor, auch wenn die Hände nicht mehr so wollen und aus dem feinen Strich inzwischen einer mit dem dicken Pinsel geworden ist. Und er hat ein Denkmal entworfen für einen Wettbewerb zur deutschen Einheit, das auch auf Europa zu übertragen wäre. Das würde er gern realisieren, sagt er. Und Büchen wäre dafür ein guter Standort. Einheit jedenfalls kann Europa momentan ganz gut gebrauchen.

Ein politischer Mensch

Ludwig Vöpel hat den Hof in Büchen von seinen Eltern in den Siebzigerjahren übernommen. Die Landwirtschaft war die Haupteinnahmequelle, Vöpel aber immer beides: Bauer und Künstler.

Und er ist ein politisch denkender Mensch, „immer gewesen“. Er beklagt eine Entfremdung, die er allenthalben beobachtet: „Wir entfernen uns immer mehr vom Eigentlichen, von dem, was Leben heißt. Und das Kreuz nehmen wir nur noch auf Kreuzfahrten ernst.“

 Peter Intelmann

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