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Kunst zum täglichen Gebrauch

Kunst zum täglichen Gebrauch

Keramiken der 1920er- und 30er-Jahre von privaten Sammlern sind in Lübeck zu sehen.

Lübeck. 1995 fiel Angelika und Joachim Konietzny in einem Antiquitätengeschäft in Travemünde eine Keramik auf: ein Reiter auf einem Pferd im Wasser – der Reiter allerdings ohne Kopf. „Wir waren trotzdem fasziniert davon“, erinnert sich Joachim Konietzny. Und so kauften die Kunstliebhaber aus Pansdorf den „Meerreiter“. Es war der Beginn einer großen Leidenschaft, denn inzwischen besitzen die Konietznys etwa 100 Figuren, Teller, Vasen und mehr aus der Kieler Kunst-Keramik AG. 27 Teile davon sind ab morgen im Lübecker Auktionshaus Prado zu sehen.

Insgesamt 104 Kunst-Keramiken vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts hat Bernd Dose, Inhaber von „Antik & Kunst“, von sieben norddeutschen Sammlern für die Ausstellung zusammengetragen. Die erste in dieser Art, sie kam über persönliche Kontakte zu den Sammlern zustande. „Es ist ein sehr spezielles Gebiet. Ich freue mich, dass diese Zeit der deutschen Keramikkunst die Aufmerksamkeit findet, die sie verdient“, sagt der Kunsthändler.

Acht Werkstätten sind vertreten, die bekannte Künstler für ihre Kollektionen beschäftigten. Paul Dresler zählt zu den experimentierfreudigsten Keramikern Anfang des vergangenen Jahrhunderts und gründete 1913 die Töpferei Grootenburg in Krefeld. In den 1920er Jahren entwickelte er farbkräftige Reduktionsglasuren und erhielt 1937 eine Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung. Von ihm sind in Lübeck eine Katzen- und eine Fuchsfigur zu sehen. „Vermutlich nach Entwürfen des Tierbildhauers Josef Pallenberg, von dem der Dinosaurier im Zoo Hagenbeck stammt“, vermutet Bernd Dose.

Expressionismus, Art Déco, Konstruktivismus, Bauhaus-Stil, Surrealismus – die Stile finden auch in den Keramiken der 1920er und 1930er Jahre ihren Niederschlag. Zu den Vertreterinnen des Bauhaus-Stils zählt Gerda Conitz, die ab 1936 die Keramikabteilung von WMF aufgebaut und geleitet hat. Graue Vasen mit ochsenblutroter Glasur von ihr sind in Lübeck zu sehen. In der Vitrine der Rosenthal-Keramik finden sich sehr schlichte Vasen ohne Dekor neben handbemalten bunten Tellern und Vasen mit floralen Mustern und Tierabbildungen von 1937. Sammlerstücke im Stil des Expressionismus und Art Déco sind aus der Staatlichen Majolika-Manufaktur Karlruhe zu sehen, die 1901 als „Stätte der Kunst“ gegründet wurde und noch heute mit zeitgenössischen Künstlern zusammenarbeitet.

Auch die Kieler Kunst-Keramik AG, die von 1924 bis 1930 Fein- und Baukeramik produzierte, hatte sich im Gründungsjahr mit der Bildhauerin Augusta Kaiser (1895-1932) und der Malerin Hedwig Marquardt (1884-1969), die vorher für Majolika tätig war, zwei Künstlerinnen geholt, die den Stil der Werkstatt geprägt haben. Sie entwarfen in nur einem Jahr den Großteil der Feinkeramik, der Kleinplastiken und Gefäßkeramiken, orientiert an der Formensprache des Art Déco. Joachim und Angelika Konietzny haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Werk von Augusta Kaiser zu würdigen. Sie haben bereits mehrere Bücher herausgegeben und stellen morgen in Lübeck das Werksverzeichnis der Keramikerin vor.

2014 übrigens wurde in der Ausstellung „Entartete Keramik 1919 – 1939“ im US-Bundesstaat Washington Augusta Kaiser und ihre Arbeit für die Kieler Manufaktur vorgestellt unter Einbeziehung ihrer Lebensgefährtin Hedwig Marquardt. „Inwieweit ihre Kunst den Nazis ein Dorn im Auge war und welche Rolle die lesbische Liebesbeziehung in der öffentlichen Wahrnehmung spielte, wäre auf jeden Fall noch eine Untersuchung wert“, sagt Konietzny.

Petra Haase

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