Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Kunstschätze aus Krisengebieten

Lübeck Kunstschätze aus Krisengebieten

Die Lübecker Völkerkundesammlung ist öffentlich nicht zugänglich Im Magazin lagern auch wertvolle Kulturgüter aus dem Mittleren Osten.

Voriger Artikel
Grass gab Staffelstab an Spengler
Nächster Artikel
DER MODERNE MANN

Brigitte Templin, Leiterin der Völkerkundesammlung, zeigt ein reich besticktes Frauengewand aus Aghanistan.

Lübeck. Lübeck. Eine Zeitungsmeldung vor einem Jahr: „Die Terrormiliz Islamischer Staat hat im Norden des Iraks einzigartige Kulturgüter aus altorientalischer Zeit zerstört. Ein Video, das die Extremisten im Internet veröffentlichten, zeigt IS-Anhänger in Mossul, die im Museum der Stadt und an der Grabungsstätte Ninive mit Hämmern und Bohrern bedeutende Bildwerke der Antike zertrümmern. . .“

0001d1r8.jpg

Brigitte Templin, Leiterin der Völkerkundesammlung, zeigt ein reich besticktes Frauengewand aus Aghanistan.

Zur Bildergalerie

Während im Zweistromland derzeit Zeugnisse jahrtausendealter Kultur pulverisiert werden, finden sich in der Völkerkundesammlung Lübeck einige zum Teil sehr alte Exponate aus Vorderasien. „Ich musste eine Weile suchen“, gibt die Leiterin Brigitte Templin zu. Diese Region gehöre nicht zu den Schwerpunkten der Sammlung, die mehr als 26000 Kunst- und Kulturschätze aus aller Welt umfasst und seit 2008 nicht mehr öffentlich zugänglich ist. Eine Sonderausstellung pro Jahr ist völkerkundlichen Themen gewidmet (siehe unten).

Neuzugang: eine

froschgrüne Burka

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Brigitte Templin hier, seit 1996 als Leiterin, sie kennt fast jedes Stück mit Namen. Was sie aus der Region, die derzeit vom IS-Terror entkultuviert wird, gefunden hat, passt auf einen großen Tisch. In einer etwa zehn Zentimeter großen Pappschachtel liegt der Torso einer Frau. Als Fundort ist Ninive vermerkt — das heutige Mossul im Norden Iraks. Es wurde in der antiken Stadt gefunden und 1868 von einer Frau Konsul Denso dem Lübecker Museum vermacht. „Wie alt die Figur ist, kann ich nicht genau sagen, aber sie muss aus der Blütezeit der Stadt stammen.“

Zu den ältesten Fundstücken aus den derzeitigen Krisengebieten in Vorderasien gehört ein Ziegelstein mit eingravierter Schrift, ein Geschenk des Lübecker Weltreisenden Gustav Pauli. „Er hat im 19.

Jahrhundert die ganze Welt umrundet, mit öffentlichen Verkehrsmitteln“, sagt Brigitte Templin. Von seinen 500 mitgebrachten Stücken befinden sich 190 in der Sammlung. Der Ziegelstein stammt aus Babylon aus der Zeit des babylonischen Königs Nebukadnezar, also etwa 600 Jahre vor Christus. Ebenfalls aus dem Irak ist ein Stück Alabaster mit gravierter Keilschrift. „Es ist die älteste Schrift der Welt.“

Aus Afghanistan kommen unter anderem eine Teekanne und eine Lederpeitsche mit schmuckvoller Einlegearbeit, aus Eritrea ein metallener Armreif. Mehrere bunt bestickte Mützen sind Mitbringsel aus Pakistan. Jüngeren Datums sind farbenfroh bestickte Frauengewänder aus Afghanistan und Syrien, Goldschmuck aus Syrien sowie eine froschgrüne Burka. Nagelneu. Und sowas kommt ins Museum? „Natürlich.

Ich finde es unerlässlich, zeitgenössische ethnografische Gegenstände zu sammeln. Nur Vergangenes zu konservieren, kann nicht unser Ziel sein.“

Seit mehr als 300 Jahren haben Lübecker von ihren Reisen rund um die Welt Souvenirs mitgebracht und dem Museum für Völkerkunde vermacht, das bis zu seiner Zerstörung 1942 großes Renommee in Deutschland genoss. „Dass der wesentliche Teil auf Schenkungen zurückgeht, macht die Besonderheit dieser Sammlung aus“, sagt Brigitte Templin. Sie ist damit auch ein Zeugnis der Neugier Lübecker Bürger, die die ganze Welt bereisten und ihre Erfahrungen beschrieben. So dokumentierte Günther Tessmann, 1884 als Sohn eines Kaufmanns in Lübeck geboren, sein Leben und seine Afrika-Reisen in Tagebüchern, die in der Völkerkundesammlung verwahrt und im Rahmen eines Forschungsprojektes aufgearbeitet werden. Drei von fünf Bänden sind erschienen, zwei folgen.

Nun stellt sich die Frage, inwieweit es sich bei den Mitbringseln um Beutekunst handeln könnte. „Die archäogischen Objekte sind in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderst von Händlern als Souvenirs von frühen Touristen erworben. Diese Händler waren Muslime und hatten zu dieser alten Kultur keine Beziehung“, erklärt Brigitte Templin. Die Schutthügel der Paläste aus alter Zeit seien nach Baumaterial für die Hütten der Armen durchwühlt worden. Das Interesse westlicher Touristen habe manchen ermuntert, Kleinhandel zu betreiben. „Dahinter stecken keine Plünderungen. Es gab damals keinen Kulturgüterschutz und keine Gesetze, die Verkauf und Ausfuhr untersagt haben.“

Früher fuhren Lübecker in die Welt, heute kommt die Welt nach Lübeck. Und das befruchtet die Völkerkundesammlung. So war beispielsweise die Farsi-Inschrift auf einer Schreibfederbüchse aus dem 19. Jahrhundert aus Buchara nicht zu entziffern. „Eine Bekannte, die kurdisch spricht, zeigte ein Foto davon mehreren arabisch sprechenden Menschen in Lübeck und fand einen Geschäftsmann aus Afghanistan, der die Inschrift übersetzen konnte.“

Auch wenn die Schätze aus aller Welt derzeit im Magazin vor sich hinschlummern, die völkerkundliche Sammlung lebt, wächst und wandelt sich stetig. Und selbst Stücke, die äußerlich gleich bleiben, verändern ihr Gewicht. War der Frauentorso aus Mossul früher nicht viel mehr als eine Nummer im Archiv, wird er nun zum Zeugnis einer möglicherweise endgültig untergehenden Kultur.

Von Hilfsgeistern und neuen Plänen für die völkerkundliche Sammlung
Hölzerne Hilfsgeister aus Westafrika kommen im Sommer für drei Monate im Rahmen einer Sonderausstellung nach Lübeck. Vom 5. Juni bis zum 4. September sind die Figuren im St. Annen-Museum zu sehen. Der Künstler Horst Antes hat sie in den vergangenen 50 Jahren zusammengetragen und will damit seine oft namenlosen Kollegen im fernen Afrika ehren.

Die handgroßen Holzfiguren dienten als Mittler zwischen Göttern und Menschen und werden aufgrund zunehmender Christianisierung nicht mehr gebraucht. Diese Helfer im täglichen Leben waren zuständig für erfolgreichen Handel, wirtschaftlichen Wohlstand, Jagd, Fischerei, Liebesglück und Kinder. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog.

Als neuer Ausstellungsort für die Völkerkundesammlung ist seit längerem das Holstentor im Gespräch. Ob ausgewählte Objekte der Sammlung für eine Dauerpräsentation in das dortige Museum wandern, ist noch nicht entschieden. Zur Zeit wird ein diesbezügliches Konzept entwickelt, das am 10. und 11. März im Rahmen einer Tagung vorgestellt wird.

Petra Haase

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden