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Kultur im Norden Kunstschatz bleibt unter Verschluss
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20:33 05.11.2013
Vier der Entdeckungen (v. l. oben im Uhrzeigersinn): „Melancholisches Mädchen“ von Ernst Ludwig Kirchner, „Sitzende Frau“ von Henri Matisse, eine unbenannte Arbeit von Otto Dix und „Dorfmädchen mit Ziege“ des Franzosen Gustav Courbet. Quelle: Fotos: dpa
Augsburg

Diese Bilder sind für die Kunstgeschichte von unschätzbarem Wert: Das Selbstporträt von Otto Dix etwa, das den Avantgarde-Maler lässig mit Zigarre zeigt.

Ein bislang unbekanntes Werk von 1919, wie die Kunstexpertin Meike Hoffmann in Augsburg erklärte. Solche überraschenden Schätze gibt es einige in der heimlichen Sammlung von Cornelius Gurlitt, der die Gemüter weit über Deutschland hinaus bewegt. Denn es geht um mehr als um kunsthistorische Erkenntnisse. Es geht vor allem um die Frage, welche Stücke von den Nazis geraubt wurden und wem sie nun gehören. Und wie die Behörden mit dem äußerst sensiblen Thema der Restitution von Nazi-Raubkunst umgehen.

Zufällig waren Münchner Zollfahnder auf Gurlitt aufmerksam geworden. Der Verdacht: Ein Steuerdelikt. Bei der Durchsuchung seiner Münchner Wohnung fanden die Fahnder im Frühjahr 2012 gut 1400 Gemälde, Zeichnungen, Lithografien, Druckgrafiken und Aquarelle von Künstlern mit Weltrang. Viele Stücke aus den Beständen von Gurlitts Vater, dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, stammten von Künstlern der Klassischen Moderne. Von den Nazis wurden viele Bilder als „entartet“ diffamiert und in der Folge beschlagnahmt. Ein Schatz für die Kunstgeschichte — aber auch für die Familien, denen die Werke vor dem Zweiten Weltkrieg geraubt worden waren. Doch die Augsburger Staatsanwälte entschieden sich für höchste Geheimhaltung.

Warum keine Offenheit? „Es ist für uns kontraproduktiv“, begründet Reinhard Nemetz, Leitender Oberstaatsanwalt in Augsburg. „Die Ermittlungen werden gefährdet, die Kunstwerke werden gefährdet.“ Seit Bekanntwerden der „wahnsinnigen Dimension“ hätten bereits die Sicherheitsvorkehrungen für die Bilder erhöht werden müssen.

Viele Erben sind immer noch auf der Suche nach den Kunstschätzen ihrer Vorfahren. Ein Katalog oder ein Online-Verzeichnis wie in der „Lost Art-Datenbank“ würde die Recherche erleichtern. Doch das soll es nicht geben, nicht zuletzt, um vor unseriösen Anfragen zu schützen. Wer glaube, einen Anspruch zu haben, könne sich aber an die Augsburger Ermittler wenden. Eine Rückgabe steht für den Leitenden Oberstaatsanwalt ohnehin noch lange nicht im Raum. „Wir haben kein Interesse, ewig auf den Bildern zu sitzen, und wir werden die Bilder auch nicht behalten“, betont er. Aber bislang sei noch nicht mal sicher, welche Bilder überhaupt als Nazi-Raubkunst gelten und welche erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sammlung der Familie Gurlitt aufgenommen wurden.

Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Freien Universität Berlin ist mit der Prüfung der 1400 Objekte nach gut eineinhalb Jahren erst am Anfang. Sie habe stichprobenartig damit begonnen, die Werke zuzuordnen, sagt die Kunsthistorikerin. Wie lange die Recherche noch dauert, ist unklar.

So geht es erst mal weiter mit den Geheimnissen. Weder der Wert der Sammlung, noch der Aufbewahrungsort werden verraten, ebenso wenig, welche früheren Eigentümer bereits Ansprüche angemeldet haben — wenn sie es denn nicht selbst kundtun, wie nun die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim. Unklar ist auch, wo sich Cornelius Gurlitt aufhält, gegen den wegen Unterschlagung und Steuerdelikten ermittelt wird.

Eines lässt sich aber bereits jetzt mit Sicherheit sagen: Dass der Fund von unschätzbarem Wert ist. Bisher unbekannte Werke von Otto Dix, Marc Chagall oder Henri Matisse sind ebenso darunter wie ein Kupferstich von Albrecht Dürer oder zwei Grafiken von Pablo Picasso. Viele galten als verschollen oder zerstört. Für die Kunsthistorikerin Hoffmann war ihr Anblick ein „Glücksgefühl“, zumal die Werke offenbar fachgerecht gelagert wurden und kaum beschädigt waren.

Elf von 1400 Entdeckungen
Augsburg — Bei dem spektakulären Kunstfund in München sind auch bisher völlig unbekannte Meisterwerke entdeckt worden. Es handelt sich nicht nur um Werke der klassischen Moderne, sondern auch um deutlich ältere Bilder, darunter ein Kupferstich von Albrecht Dürer. Fotos von elf der insgesamt mehr als 1400 Kunstwerke sind gestern vorgestellt worden.


Canaletto (1697-1768), Radierung, Ansicht von Padua.

Carl Spitzweg (1808-1885), Zeichnung, „Das musizierende Paar“.

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Farbholzschnitt mit Motiv eines Mädchens.

Max Beckmann (1884-1950), Gemälde aus Zandvoort.

Franz Marc (1880-1916), Gouache, „Landschaft mit Pferden“.

Gustave Courbet (1819-1877), „Mädchen mit Ziege“.

Marc Chagall (1887-1985), Gouache einer allegorischen Szene.

Henri Matisse (1869-1954), Gemälde einer sitzenden Frau.

Max Liebermann (1847-1935), Gemälde, Zwei Reiter am Strand.

Otto Dix (1891-1969), Farblithographie, Motiv einer älteren Dame sowie ein Selbstporträt.

Cordula Dieckmann

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