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Lachen, saufen, morden

‘s-Hertogenbosch Lachen, saufen, morden

500 Jahre nach dem Tod des Malers Hieronymus Bosch wird seine wundersame Bilderwelt lebendig. Monster und Dämonen, Heilige und Narren sind nach ‘s-Hertogenbosch zurückgekehrt.

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Triptychon aus dem Prado in Madrid: „Der Heuwagen“, von dämonischen Gestalten, halb Mensch, halb Tier, gezogen, von Jesus gesegnet.

Quelle: dpa

‘s-Hertogenbosch. Verführerisch windet sich das nackte Wesen um den Mann. Auf seinem Körper sitzt ein hautfarbener Fischkopf. Das Lächeln ist eine teuflische Grimasse, die umgarnenden Finger sind Krallen. Das lustvolle Verlangen des Menschen weicht einem tiefen Schrecken: Ein Abgrund tut sich auf. Willkommen in der wundersamen Schreckenswelt des Hieronymus Bosch. In den verdunkelten Sälen des Noordbrabants Museum in ‘s-Hertogenbosch wird diese nun lebendig. Die Ausstellung „Hieronymus Bosch — Visionen eines Genies“ ist der spektakuläre Höhepunkt des Bosch-Jahres. Vor 500 Jahren starb der Meister in der südniederländischen Provinzstadt.

Hämische Teufel, ein furchterregender Uhu, ein Trichter auf zwei Beinen — Schreckensmonster und witzige Fabeltierchen bevölkern die Museumssäle. Diese merkwürdigen Wesen bedrohen und verführen die Menschen auf den Bildern. Sie lachen, saufen, morden und betrügen, aber sie beten auch, spielen Laute oder lesen.

Bilder der Angst und der Sehnsucht

Warum faszinieren diese Bilder aus dem späten Mittelalter noch heute? Er hatte eine einzigartige Bildsprache, erklärt der Museumsdirektor Charles de Mooij. „Bosch ist der Meister der realistischen Welt“, sagt er. „Er schuf zugleich eine nicht existierende Welt und drückt darin die Ängste und Sehnsüchte der Menschen aus.“

Nach 500 Jahren sind diese Meisterwerke „nach Hause zurückgekehrt“, wie de Mooij stolz sagt: 17 Gemälde, 19 Zeichnungen, der größte Teil des Gesamtwerkes von etwa 45 Bildern. Keines davon ist noch in Boschs Heimatstadt. Dass dennoch ausgerechnet das Museum der 140000-Einwohner-Stadt diese Ausstellung zeigen kann, ist ein kleines Wunder. Warum sollten die großen Museen auch ihre kostbaren Juwelen auf die Reise in die Provinz Nord-Brabant schicken? Der „Heuwagen“ aus dem Prado in Madrid etwa oder „Das Narrenschiff“ aus dem Louvre? „Wir hatten ja nichts als Gegenleistung zu bieten,“ sagt de Mooij.

Doch dann kamen die Niederländer mit einem verlockenden Angebot. Vor neun Jahren startete das bisher umfangreichste Forschungs- und Restaurierungsprojekt zum Gesamtwerk von Hieronymus Bosch. Im Gegenzug waren Museen bereit, ihre Spitzenstücke auszuleihen. Die Forscher konnten viele Rätsel lösen. So erkannten sie ein Gemälde dem Meister zu. „Die Versuchung des heiligen Antonius“ hing lang im Depot eines Museums in Kansas City (USA), jetzt ist es „eine kleine Perle“ der Ausstellung, freut sich der Direktor.

Doch ein Rätsel bleibt. „Eigentlich wissen wir kaum etwas über den Künstler selbst“, sagt Matthijs Ilsink, einer der Kuratoren der Ausstellung. Bosch wurde um 1450 als Sohn einer damals angesehenen Malerfamilie geboren, als Hieronymus van Aken, genannt Jeroen. „Jeroen war sicher das größte Genie der Familie.“ Schon zu seinen Lebzeiten war er angesehen und zählte den höchsten Adel Europas zu seinen Auftraggebern. Aber wie er aussah, wo sein Grab ist, ob er Kinder hatte, das alles ist unbekannt. Nur eines ist sicher: Am 9. August 1516 läuteten die Trauerglocken der Sint-Jans-Kathedrale zu seiner Trauerfeier.

Die Wahl zwischen Himmel und Hölle

Den Bosch, wie die Niederländer zu ‘s-Hertogenbosch sagen, war im 15. Jahrhundert eine blühende Handelsstadt. Doch waren die Bürger von Schrecken bedroht. Seuchen wie die Pest, Feuer, Hunger, Räuber, dazu die irdischen Versuchungen. Das alles malt Bosch. „Aber er zeigte auch, dass der Mensch selbst für seine Rettung verantwortlich war“, sagt der Kunsthistoriker Ilsink.

Jeder hatte die Wahl zwischen Himmel und Hölle. Auch der Greis, der noch in seinem Totenbett nach den Geldsäcken zu grabschen scheint. Dass er die falsche Entscheidung trifft, sieht man im Bild „Der Tod und der Geizige“: Der fürchterliche Tod lauert bereits in der Tür.

Das Museum rechnet mit einem Besucheransturm. Noch vor der Eröffnung waren bereits 90000 Karten verkauft worden. Wie soll man da all die feinen Details sehen können? Zum Beispiel, dass da ein auf zwei Beinen laufendes Insekt ein melancholisches menschliches Gesicht hat und eine Brille auf der Nase trägt? Keine Bange: Computeranimationen in den Museumssälen machen fast jeden Pinselstrich sichtbar.

Mit über 90 Ausstellungen und Vorstellungen, einer „Himmel- und Höllen-Fahrt“ auf dem Fluss Dieze und Licht- und Musikspektakeln wird der Meister Hieronymus Bosch gefeiert. Und seine wundersamen Wesen und Monster werden den Wald des Herzogs, wie ‘s-Hertogenbosch wörtlich übersetzt wird, beleben.

Annette Birschel

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