Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Landschaft voll Erhabenheit

LN-Serie: Lieblingsbilder im Behnhaus, Teil 4 Landschaft voll Erhabenheit

Besucher haben die 100 schönsten Meisterwerke im Museum Behnhaus Drägerhaus gewählt, die derzeit dort zu sehen sind. Museumsleiter Alexander Bastek stellt die Top Ten vor. Heute Platz 7: „Landstraße im Winter bei Mondschein“ von Carl Blechen.

Voriger Artikel
Thalia-Aufsichtsrat verlängert Vertrag mit Intendant Lux
Nächster Artikel
„Ein bisschen Hippie“

Die Landschaftsgemälde der deutschen Romantik begeistern heute vor allem dadurch, dass es eindrucksvolle Stimmungsbilder sind. Ein Sujet wie die „Landstraße im Winter bei Mondschein“ hätte lange Zeit als gar nicht bildwürdig gegolten.

Lübeck. Die Landschaftsgemälde der deutschen Romantik begeistern heute vor allem dadurch, dass es eindrucksvolle Stimmungsbilder sind. Ein Sujet wie die „Landstraße im Winter bei Mondschein“ hätte lange Zeit als gar nicht bildwürdig gegolten. Südliche Landschaften, in denen Orte der antiken Mythologie erschienen, waren gefragt. Vor diesem Hintergrund ist Blechens Bild geradezu radikal. Ein morastiger Weg führt diagonal durchs Bild und in die Tiefe. Er ist von dürren Bäumen gesäumt. Schnee und eine Eisfläche im Hintergrund lassen die Kälte dieser Winternacht spürbar werden. Der Mond ist nur als kleiner Kreis am Himmel sichtbar. Sein Licht aber erhellt die gefrorene Landschaft und lässt die Bäume lange Schatten werfen.

Unser Gemälde dürfte nach 1829 entstanden sein, nachdem Blechen von einer gut einjährigen Italienreise zurückgekehrt war. In einer dem Gemälde motivisch ähnlichen Pinselzeichnung hielt Blechen eine Landschaft wohl in der Mark Brandenburg fest: ein sommerlich idyllisches Stück Natur. Im Atelier verwandelte er das Naturidyll dann jedoch in eine extreme Winterlandschaft – ein Schritt von hoher Symbolkraft. Und die Symbolik der Landschaft ist ein weiteres wichtiges Element romantischer Kunst. Blechens karge Winterlandschaft scheint Hoffnungslosigkeit auszudrücken. Der Weg ließe sich als Lebensweg deuten. Wo aber führt er hin? Die nächtliche Stimmung, in der ein zu Ende gegangener Tag anklingt, wirft Gedanken an die Vergangenheit allgemein auf. Häufig finden wir Ruinen mittelalterlicher Kirchen und Burgen in den Bildern der Romantik. Auch Blechen scheint uns auf diese Historie hinzuweisen. Die Baumlücke, durch die der Mond sichtbar wird, ist in der Form eines gotischen Spitzbogens gestaltet – ein Detail, das an die Vergänglichkeit menschlicher Kulturleistungen gemahnt.

Bei aller Düsternis wählten unsere Besucher Blechens Gemälde auf Platz sieben der 100 Meisterwerke. Im klimatisierten Museumsumfeld lässt sich mit dem gebotenen Abstand auch gut auf diese Eiseskälte blicken. Genau dies ist der Standpunkt, der die Erfahrung von Erhabenheit ermöglicht. Und zu eben solcher Erhabenheit steigerte Blechen seine Landschaftsansicht.

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel