Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Lebenslust und Lebensschmerz

Kiel Lebenslust und Lebensschmerz

Ein Rausch aus Dietrich- und Piaf-Songs inklusive einer Künstlerliebe: „Spatz und Engel“ im Opernhaus Kiel.

Voriger Artikel
Sechs Bildersucher aus Dresden
Nächster Artikel
Die Intendantin will Geschichten erzählen

Zwei große Stars treffen in „Spatz und Engel“ aufeinander: Edith Piaf (Fenja Schneider, l) und Marlene Dietrich (Heike Wittlieb).

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Ikonen haben es nicht leicht. Gern reduziert man sie auf Klischees, die dafür gleich in Übergröße zementiert werden, so bleiben sie dann der Nachwelt erhalten. Das will das Stück „Spatz und Engel“ über die Freundschaft von Edith Piaf und Marlene Dietrich nicht erzählen; Regisseur Jörg Diekneite will mit seiner filmisch inspirierten Inszenierung am Kieler Opernhaus mehr als einen Rahmen für die unsterblichen Songs.

LN-Bild

Ein Rausch aus Dietrich- und Piaf-Songs inklusive einer Künstlerliebe: „Spatz und Engel“ im Opernhaus Kiel.

Zur Bildergalerie

Auch wenn sie in Gestalt von Kammersängerin Heike Wittlieb und Schauspielerin Fenja Schneider erstmal auftauchen als die Stars, die sie sind: Marlene als kühle Blonde im weißen Pelz, Edith im kleinen Schwarzen mit der typisch schmerzgebeugten Haltung und der linkischen Art der Straßengöre aus Belleville, die die Sängerin zeitlebens nie ganz abgelegt hat. Ein Gegensatzpaar, das mit „Die Zeit geht dahin“ und „Chevalier de Paris“ zum Duett zusammenfindet, fein changierend zwischen Lebenslust und Lebensschmerz.

Aber dann begegnen sich die beiden erstmals 1945 in Piafs New Yorker Konzertgarderobe, so will es die Legende. Und wie sie sich da ihrer gegenseitigen Verehrung versichern, einander umflirten, bis Marlene die zierliche Französin aufs Bett knallt, da sieht man gleich: Hier soll es um Menschen gehen. Um Freundschaft. Vielleicht sogar Liebe. Entsprechend ernst nimmt Regisseur Diekneite die Sache, fasst sie in einen filmisch-naturalistischen Duktus, in dem die Dietrich – ausgerechnet – zur Mutti mutiert, die auf Knien mit dem Wischlappen über den Fußboden rutscht und Edith die Schuhe wechselt.

Und wo ist nochmal die Diva, der Vamp geblieben?

Dazwischen: „Wenn die beste Freundin“, „Mon manège à moi“, „Milord“, „La vie en rose“. Piafs große Liebe, der Boxer Marcel Serdan, Kindheitsszenen, Marlene auf Rollensuche. Parallelmontage, Ein- und Überblendungen. „Die fesche Lola“, „Kinder, heut Abend“ und „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ funktionieren auch als farbiges Medley. Heike Wittlieb und Fenja Schneider können sowieso alles, Schlagerleichtigkeit wie Chanson-Melancholie. Wittlieb entfernt sich weit von der Opernstimme zu angenehm schnörkelloser Klarheit. Schneider hat sich nicht nur die Pose des Vorbilds bis ins Detail anverwandelt, sondern auch das charakteristische Timbre und die Inbrunst der Piaf. So kann Fenja Schneider rotzige Weltumarmung spielen und ihr gleichzeitig kindliche Verlorenheit, karikierende Untertöne und die Schmerzensfrau mit dem gebeutelten Körper und der Sehnsucht nach Liebe einschreiben.

Drumherum tupfen Linda Stach und Marie Kienecker, Florian Hacke und Sebastian Rousseau und in den Kinderrollen Karlotta Godenir und Beke Schnack Randfiguren auf die mit viel Stoff, nostalgisch vergilbten Videos und einer kleinen drehbaren Box für das schnöde Leben ausstaffierte Bühne (Marie Rosenbusch): von Piafs trunkenboldigem Kleinkünstler-Vater und Dietrichs gefühlskalter Mutter bis zu den Schriftsteller-Freunden Jean Cocteau und Noel Coward. Manches dehnt sich da arg, etwa, wenn Pete Seegers Antikriegssong „Sag mir, wo die Blumen sind“ (1955) von Marlenes Kindheitsszenen aus dem Ersten Weltkrieg zerteilt oder bei aller Knappheit doch zu detailfreudig vom richtigen Leben erzählt wird.

Bloß gut, dass es schlussendlich dann wieder um die Songs geht. Im zweiten Teil folgen sie rascher aufeinander, und Bettina Rohrbeck (Musikalische Leitung) hat sie ohnehin schön reduziert arrangiert:

einfache Lieder vom Leben, begleitet von Rohrbecks zurückhaltendem Klavier und der schmiegsamen Musette, die Akkordeonist Karsten Schnack beisteuert.

Weitere Vorstellungen im Opernhaus Kiel: 18., 22., 28. Juni, Karten unter Telefon 04 31/901901.

Zwei Diven, zwischen denen es funkte

Edith Piaf (1915-1963) war zu ihrer Hochzeit die beliebteste und auch international bekannteste französische Sängerin. Ihre Interpretationen von Chansons wie „La vie en rose“, „Milord“ und „Non, je ne regrette rien“ waren Welterfolge. Sie war liiert mit dem Boxer Marcel Cerdan, der aber 1949 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. 1952 heiratete Piaf den Sänger Jacques Pills, von dem sie sich 1956 wieder scheiden ließ. Trauzeugin war Marlene Dietrich. In den 1950er Jahren hatte sie eine Affäre mit Georges Moustaki. 1962 heiratete sie den 20 Jahre jüngeren Sänger Théo Sarapo.

Marlene Dietrich (1901-1992) spielte 1930 die Hauptrolle im Film „Der blaue Engel“ von Josef von Sternberg nach dem Roman „Professor Unrat“ von Heinrich Mann – und wurde weltberühmt. Sie floh vor den Nazis aus Deutschland und nahm 1939 die US- Staatsbürgerschaft an. Als eine der wenigen deutschen Schauspielerinnen hatte sie in großen Hollywoodfilmen Erfolg („Zeugin der Anklage“, 1957, „Das Urteil von Nürnberg“, 1961). Ob es zwischen Piaf und Dietrich eine Liebesbeziehung gab, blieb ein Gerücht. „Marlene erlag dem Zauber der Piaf“, sagte Dietrich-Tochter Maria Riva.

Ruth Bender

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden