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Kultur im Norden Lesestunde über die Erotik des Briefverkehrs
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22:21 25.06.2013
Von Michael Berger
Rüstig und agil: Walser (86) im Audimax. Quelle: Foto: Malzahn

Die Thomas-Mann-Stadt Lübeck hat ihren Günter Grass, da kann man also nicht meckern, was Literatur-Prominenz angeht. Doch es kann nichts schaden, wenn gelegentlich auch andere prominente Autoren den Lübeckern ihre Aufwartung machen. So wie jetzt der zweite aus der Galerie der lebenden Großschriftsteller — Martin Walser, der im März 86 wurde.

Er las im Audimax der Uni auf Einladung des Literarischen Colloquiums. Grass, derselbe Jahrgang wie Walser und Spiritus rector der Lesereihe, fehlte wegen Krankheit. Dozent Dieter Stolz übernahm es, den Schriftsteller, den eigentlich alle im zahlreich erschienenen Publikum kennen, wortlastig vorzustellen — mit thesenhaften „Annäherungen“, mit denen er dem vor ihm sitzenden Martin Walser aber irgendwie fern blieb.

Walser las dann aus seinem Briefroman „Das dreizehnte Kapitel“. Es geht darin um den Austausch von Intimitäten und Eingebungen zweier sehr reifer Personen — er Schriftsteller, sie Theologin —, die die Erotik des Körperlichen hinter sich gelassen haben und nun mit der Sinnlichkeit der Sprache umeinander werben. Wie ein Feuerwerk bricht ein „Geständniswettbewerb“ zwischen den beiden mit anderen Partnern verheirateten Wortmenschen aus: „Sie und ich sagen einander, was wir keinem anderen sagen können. Was wir aber ungesagt nicht ertragen“, schreibt sie. Die schriftlichen Annäherungen werden zu Liebesbriefen, und wie in Liebesdingen üblich, gibt es auch hier Zerwürfnis und Versöhnung, Kitsch und Klischees.

Walser ist wie sein Freund Grass der beste Interpret eigener Sätze. Der weiche Bodensee-Akzent mit den aufheulenden Diphthongen macht die im Text verborgene Ironie hörbar, die Stimme des Autors singt eine melancholische Melodie. „Überlasse dich deiner rechten Hand“, also dem Schreiben, empfiehlt der Walser-Schriftsteller seiner Briefpartnerin, und der Schriftsteller-Walser gibt beim Vortrag mit der Linken den Takt vor.

Man identifiziert den Mann aus dem Roman natürlich mit dem Vorleser. Und wenn er die Sätze der Frau referiert, ist er auch die Seele dieses Geschöpfs. Eigentlich, so scheint es, offenbart sich Walser hier als Mann wie als Frau.

Merkwürdiger Weise hat am Ende des einstündigen Vorlesens — Walser liest rüstig im Stehen und schaut dann angriffslustig Wortmeldungen entgegen — niemand eine Frage an den Meister. Aber draußen, wo er demütig Bücher signiert, kann er den Ansturm kaum bewältigen.

Michael Berger

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