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Kultur im Norden Lesung in Lübeck mit Thomas Klupp Lustig ist das Provinzleben
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20:12 03.11.2018
Roman über eine Jugend in der Provinz. Quelle: Daniel Fischer - stock.adobe.com
Lübeck

Wie kam es dazu, dass „Dschägger“, wie seine Kumpels Benedikt Jäger nennen, zum notorischen Lügner und äußerst cleveren Betrüger wurde? Er fälscht an den Klassenarbeiten herum, bevor er sie den Eltern hinlegt. Oft fummelt er auch die Unterschriften seiner Erziehungsberechtigten darunter. Er schafft es vor allem in Mathe und Physik, seinen schwachen Fächern, die Dinge so darzustellen, dass sie nicht ganz so übel ausfallen. Das hat er unter anderem gelernt vom „Großen Gatsby“, über den er einen Aufsatz schrieb, für den er nur eine Drei erhielt. Aber Gatsby ist toll: „der linkt ja auch alle ab“.

Blick auf die Heimat mit bitterbösem Humor

Das ist eine Jungmannen- und Provinzgeschichte, die furios daherkommt. Man sitzt im Sessel, liest und amüsiert sich wie Bolle Seite um Seite, weil Erinnerungen an die eigene Jugend aufkommen. Thomas Klupp, 41, Literaturwissenschaftler in Erlangen, war schon mit seinem vorherigen Roman „Paradiso“ (2009) angenehm aufgefallen. Er hat einen Sound, der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nur selten auftaucht. Damals ging es schon um die ungeliebte Heimatstadt, die mit bitterbösem Humor bedacht wurde.

Nun wieder. Wir werden in die nördliche Oberpfalz geführt, nach Weiden nahe der tschechischen Grenze, eine wirtschaftlich stark aufstrebende Stadt, aber „so spektakulär wie ein Taubenschiss“. Benedikt hockt dort und beneidet seine älteren Zwillingsschwestern, die in den USA studieren. Der Vater ist Chefarzt mit allem Drum und Dran, was auch heißt, dass die Mutter Chefarztgattin ist, mit allem, was von ihr erwartet wird. Wenn sie im Haus ihren Literaturzirkel hat, bittet sie vorher den Sohn, sie anzurufen, damit sie vor der Gruppe Französisch oder Italienisch parlieren kann, was Eindruck macht. Gehobenes Bürgertum, der Nachwuchs soll funktionieren, das wird auf Eltern- und Verwandtenseite unerbittlich erwartet.

Lesung in Lübeck

Thomas Klupp (41) war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „BELLA triste“ und lehrt als Dozent am Literaturinstitut der Universität Hildesheim. Sein von der Kritik gefeiertes Romandebüt „Paradiso“ wurde 2009 mit dem Nicolas-Born-Förderpreis und 2010 mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet.

Er war Stipendiat beim 10. Klagenfurter Literaturkurs und erhielt 2011 den Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb. Thomas Klupp lebt und arbeitet in Hildesheim und Berlin. Sein zweiter Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“ ist im Berlin Verlag erschienen (255 S., 20 €).

Lesung: Am Montag, 12. November, 20 Uhr, liest der Autor im Buddenbrookhaus. Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 7 Euro. Karten sind über die Buchhandlung Hugendubel unter Tel. 0451/160 06 0 erhältlich.

Benedikt und seine Freunde Vince und Prechtl stehen auf gegen diese Rechthaber-Wohlstands-Vorzeige-Kleinstadt, sie wollen sie mit ein bisschen Anarchie aufrollen. Am Anfang des Romans erleben wir Benedikt, der Abstand sucht, indem er auf einer Ballonfahrt dabei ist. Doch was sieht er vor allem von oben? Es ist „diese aus der Tiefe emporwuchernde Fälschung, dieses Trugbild, das mein Leben war“.

Die Schule der Jungs ruft zum neuen Schuljahr zu einer Leistungsinitiative auf. Benedikt samt Kumpels prangen mit auf einem Anti-Drogen-Plakat der Stadt: „Geh ans Limit! Ohne Speed!“ Das ist aberwitzig, was sich Lehrer und Behörden ausdenken, sie kennen die Abgründe nicht. Die drei feiern feste und zu jeder Gelegenheit im berüchtigten „Butterhof“, dessen Betreiber Crystal-Mäx Unterweltkönig ist. Als die Flüchtlinge kommen, unterstützt er den Bau von Wohnungen, wozu ihn die Lady Lions ermuntert haben. Der größte Drogendealer vor Ort gibt den gemeinnützigen Gutmenschen, um an öffentliche Finanzen zu kommen. Eine Hand wäscht die andere. Alles erscheint irgendwie verdreht, verlogen und trickreich. Wie Benedikts Leben eben.

Lügen und Tricksen kann auch Gutes bewirken

Als die Erotik zwischen den Schülern aufkeimt, wird es skurril. Seine Mitschülerin Marietta fleht Benedikt regelrecht an, so zu tun, als seien sie beide ein Paar. Das ist komisch, aber für einen Fälscher kein Problem. Alle sind komisch: Die Leiterin der Schule lässt nichts aus, um Auszeichnungen anzuziehen. Benedikts Großmutter rutscht raus, dass sie mal vor langer Zeit ein Kind „weggefälscht“ hat. „In Sachen Lügen und Täuschen und Fälschen ist sie nämlich die krasseste Person, die ich kenne“, weiß der Enkel. Er merkt sich: Lügen und Tricksen kann auch Gutes bewirken.

Die Fake-Stadt, die öde Provinz, die komischen Zeitgenossen. Im schnoddrigen Teenager-Slang wird das vorgetragen, sehr lustig, aber mit Hintersinn.

Roland Mischke

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