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„Leute, bitte genießt Gerds Musik“

Lübeck „Leute, bitte genießt Gerds Musik“

Ein ehemaliger Lübecker Notar unterhält in seinem Altstadthaus ein Musik-Labor, aus dem Latin-Sound in die Welt hinausdringt.

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Die Stimme auf Junges Alben: Marion Welch.

Quelle: Breuel-Bild

Lübeck. Der Mann — nein: Herr, muss es heißen — geht ohne Frage als seriöser Anwalt und Notar durch. Und das war Gerd Junge auch ein Arbeitsleben lang. „Ich habe Jura studiert, weil ich mich für die Musik nicht begabt genug fühlte“, gesteht er. Doch er war und ist auch schon immer Musiker — Pianist und Bassist in Jazzgruppen.

Nun ist er 70 Jahre alt und hat den Brotberuf hinter sich gelassen, auch zu Club-Auftritten ist er nicht mehr bereit. Doch Musik macht Gerd Junge weiterhin. In einem wenige Quadratmeter kleinen Studio in seinem Haus in der Lübecker Altstadt entwickelt er Stücke. Was er am Keyboard austüftelt, ist über kurz oder lang in der großen weiten Welt des Jazz und der lateinamerikanischen Popmusik zu hören. Soeben ist die CD „Alive & Well 3“ erschienen, ein professionell produziertes Album mit Jazz-Standards in afrokubanischen Arrangements.

Gerd Junge spielt darauf die Tasteninstrumente und auch den Bass. Doch seine Hauptakteure sind namhafte Bläser der NDR- Bigband, unter anderem Fiete Felsch an Saxofon und Flöten, Ingolf Burkhardt an der Trompete, dazu die fabelhafte Sängerin Marion Welch, deren Stimme man aus zahlreichen Werbespots kennt (Bacardi, Tchibo, Langnese...) und die den Sound der Scorpions, der Chansons von Udo Jürgens und der Soulband von Stefan Gwildis veredelt hat.

Im Internat, so berichtet Junge, habe er als Jugendlicher den Jazz entdeckt, irgendwann in den 1960er Jahren. „Doch puristisch war ich nie, ich hatte immer einen Hang zum Pop.“ Er komponierte und arrangierte, das brachte er sich selbst bei. Jazzmusiker können eben alles. Eine CD mit Eigenkompositionen ist vor wenigen Jahren erschienen, auch dafür hatte er sich namhafte Leute ins Studio geholt, „Tracks“ hieß das Album schlicht, es war schon sein zweites.

Er finanziert seine Projekte ganz allein, die Musiker machen allerdings zu einem Freundschaftshonorar mit. „Ich suche mir die Leute für die Stücke zusammen, das muss passen“, sagt er entschieden. Mit den Musikern entwickelt er im Aufnahmestudio seine Entwürfe weiter. „Somewhere over the Rainbow“, die Ballade, die einst Judy Garland sang, kommt von Junge und Welch interpretiert jetzt wie eine Produktion aus Havanna aus den Lautsprechern: scharfe Bläsersätze, eine wuchtige Basslinie darunter, gebrochene Akkorde vom Piano. Und dann Marion Welch mit ihrer Stimme, die Gänsehaut macht. „My Favorite Things“, ein Schlager von Richard Rodgers, ist ein Fest für die vier Flöten von Fiete Felsch. „How High the Moon“, ursprünglich auch eine Ballade, ist zur flotten Samba mit Bebop-Rasereien konvertiert. „Das sind eben alles Spitzenkräfte, die von allein funktionieren, die muss man nicht groß anfeuern“, sagt Gerd Junge nicht ohne Stolz.

Ihm stehen Türen offen, die für andere Menschen, die ähnliches versuchten, verschlossen sind. Warum spielen für ihn die besten unter den Jazz- und Studiomusikern? Weil er Ideen hat. An der Wand seines kleinen Lübecker Musiklabors hängt die Beglaubigung, eine handschriftliche Notiz des Pianisten Chick Corea, die auf deutsch etwa so lautet: „Leute, bitte genießt Gerds Musik. Es ist besonders anregend, solche unverbrauchte Musik von einem Mann zu hören, dessen erster Beruf gar nicht der des Musiker ist.“

Michael Berger

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