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Liebe, Leiden, Wirtschaftswunder

Lübeck Liebe, Leiden, Wirtschaftswunder

Wieder ein Filmstoff am Theater Lübeck — und ein großer Wurf: „Die Ehe der Maria Braun“ nach Rainer Werner Fassbinder.

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Maria Braun (l., Sina Kießling) mit Vevi (Astrid Färber).

Quelle: Foto: Thorsten Wulff

Lübeck. „Gefühle? Gefühle hat man zwischen den Beinen“, steht in großen Lettern an der Wand. Im Nachkriegsdeutschland ist man mit anderem beschäftigt: Überleben.

Wiederaufbau. Wohlstand schaffen. Maria Braun will beides. 1943 heiratet sie im Bombenhagel, aber sie kann nur einen halben Tag und eine ganze Nacht mit ihrem Mann Hermann zusammensein, weil der wieder zurück an die Front muss. In „Die Ehe der Maria Braun“ wird nicht nur eine Liebesgeschichte erzählt, sondern auch, wie wir wurden, was wir sind. Joerg Zboralski und Mirja Biel haben das Melodram für die Bühne inszeniert. Entstanden ist eine kurzweilige Schauspiel-Revue, die sehr viel Witz hat, aber auch die notwendige Ernsthaftigkeit. Ein großer Wurf.

Auf der Bühne ist eine mehrteilige halbrunde, mit Leuchtstoffröhren versehene Wand aufgebaut. Vor diesem Hintergrund werden elf Jahre im Leben der Maria Braun erzählt: Beruflich und finanziell geht es bei ihr steil bergauf, ihr Liebesleben aber bleibt unerfüllt. Als ihr Mann (Henning Sembritzki) nicht aus dem Krieg heimkehrt, geht sie eine Liebschaft mit einem GI (Will Workman) ein. Später wird sie die Geliebte eines Industriellen (Thomas Schreyer), kommt zu beruflichem Aufstieg und zu Wohlstand.

Das Zeitgeschehen wird auf einer Videoleinwand präsentiert: Hitler, der Krieg, das Kriegsende. Man hört das Klappern einer Schreibmaschine, die Buchstabe für Buchstabe Überschriften und Jahreszahlen auf die Wand schreibt. Ein Trümmerfrauenchor (Henning Sembritzki, Thomas Schreyer, Will Workman) sinniert darüber, warum es in der Liebe immer der eine sein müsse. „Wenn wir keine Kartoffeln haben, essen wir Steckrüben, wenn wir keine Steckrüben haben, essen wir Mehlsuppe.“

Sina Kießling, die am Theater Lübeck schon als „Lulu“ und als „Minna von Barnhelm“ glänzte, ist auch in der Rolle der Maria Braun umwerfend. Sie ist eine, die für die Vereinbarkeit von Herz und Verstand steht. Auf sich allein gestellt erwirbt sie auf dem Schwarzmarkt ein enges, schwarzes, tief ausgeschnitttenes Kleid, um ihren Lebensunterhalt als Bardame zu verdienen. Sie ist eine Frau, die keinem Klischee gehorcht: schön, erotisch, tatkräftig, mutig, pragmatisch, klug, stolz, gefühlvoll und berechnend. Ihr Mann ertappt sie mit Bill. Dass es möglich ist, zwei Männern zugetan zu sein, beschreibt sie so: „Bill habe ich liebgehabt, und ich liebe meinen Mann.“

Das schwere Leben der Maria Braun vollzieht sich in einer Zeit des Aufbruchs und der neuen Moden. Das wird in dem Stück lustvoll vorgeführt. Man feiert fröhlich bei Flaschenbier und Kartoffelsalat.

Man ist wieder wer, kleidet sich schick und elegant (Kostüme: Petra Winterer). Das ist schön anzusehen.

Und überhaupt macht das Stück Spaß. Offenbar auch den Schauspielern, die mit Lust und Liebe bei der Sache sind, auch wenn viel Arbeit zu leisten ist. Immerhin haben acht Darsteller 26 Rollen auszufüllen. Aus welchem Grund Astrid Färber in den letzten Minuten die Rolle der Maria Braun übernimmt, wird nicht klar. Sie lässt diese wesentlich älter, härter, böser erscheinen. Das mag die Absicht gewesen sein.

Richard von der Schulenburg, für die Musik zuständig, lässt Mutters Geburtstagsgesellschaft zu „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“ singen und tanzen. Stevie Wonders „Part-time lover“ wird unbekümmert wörtlich ins Deutsche übersetzt (Teilzeitgeliebter), auch wenn‘s gehörig zum Rhythmus der Musik holpert. Von der Schulenburg, mit dunklem Hut und Sonnenbrille, sitzt am Bühnenrand am Synthesizer. Manchmal singt er auch.

Das Stück endet dramatisch. „Es ist eine schlechte Zeit für Gefühle“, hatte Maria Braun schon lange geahnt. Der Premierenapplaus war ausdauernd und stürmisch.

Nächste Vorstellungen: 12. September, 20 Uhr, 13. Oktober, 16 Uhr, Kammerspiele

Bill habe ich liebgehabt, und ich liebe meinen Mann.“Maria Braun über ihren toten Liebhaber

Liliane Jolitz

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