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Kultur im Norden Liebe, Luxus, Langeweile
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00:21 23.09.2014
Bei den Reichen und Schönen (v.l.): Jay Gatsby (Jan Byl), Tom Buchanan (Thomas Schreyer), Jordan (Marlène Meyer-Dunker), Daisy (Ingrid Noemi Stein), Nick (Vincenz Türpe). Quelle: Fotos: Neelsen
Lübeck

Die prunkvolle Villa ist auf der Bühne zu einem schlichten Gartenpavillon geschrumpft. Die Initialen „JG“ weisen auf den Eigentümer hin: Jay Gatsby. Der große Gatsby. Es geht um Luxus, um Langeweile. Und um Liebe in dem Roman von F. Scott Fitzgerald, den Regisseur Marco Štorman und Dramaturg Tobias Schuster für die Bühne bearbeitet haben. Premiere war am Wochenende im Großen Haus des Theaters Lübeck.

Der Regisseur geht im wahrsten Sinne des Wortes in die Tiefe. Im Bühnenhintergrund spielt eine vierköpfige Band unentwegt Jazz. Sie gibt der Geschichte, die hier erzählt wird, ihren Sound. Der mysteriöse Mister Gatsby will Daisy, seine große Liebe, zurückerobern. Als junger Mann hatte er sich in sie verliebt, zog dann in den Ersten Weltkrieg. Daisy heiratete einen anderen. Jahre später ist Gatsby zu Reichtum gekommen. Gerüchte kursieren über ihn. Dass er ein Mörder sei. Oder ein deutscher Spion.

Erklärtes Ziel des Regisseurs ist es, zum Kern der Geschichte vorzudringen, der für ihn darin besteht, dass ein Mann — Jay Gatsby —, unfähig, sich von der Vergangenheit zu lösen, sein Leben verpasst.

Es ist der Dunst dieses Scheiterns, der über allem liegt. In der Welt des Luxus und der Moden, in der sich die Protagonisten bewegen, regnet es beinahe unentwegt. In der Bühnenmitte gibt es eine große Pfütze. Manchmal kommt hier einer der Akteure zu Fall.

Wie im Roman ist Gatsbys Nachbar Nick Carraway (Vincenz Türpe) der Erzähler. Ihm werden jedoch zwei Helfer zur Seite gestellt. Daisys Freundin Jordan (Marlène Meyer-Dunker) und Dr. Eckleburg, der im Roman zwar auf einem Plakat, nicht aber als Person vorkommt. In Štormans Inszenierung wandelt Dr. Eckleburg (Sven Simon) wie ein Geist durch das Geschehen. Er scheint alles zu wissen und alles verraten zu wollen: „Gatsbys Eltern waren unbeholfene Farmer.“ Wenn Eckleburg lächelt, läuft es einem kalt den Rücken herunter. Simon bekam Applaus dafür, dass ihm bewegende Momente in einer ansonsten wenig berührenden Inszenierung gelungen sind.

Am Schauspielteam hat es nicht gelegen. Ingrid Noemi Stein leistete Großes als äußerlich verführerische, aber innen hohle Daisy, die sich an der Seite ihres steinreichen Mannes (Thomas Schreyer) durchs Leben plappert („Was sollen wir heute mit uns anfangen? Und morgen? Und die nächsten 30 Jahre?“). Dass das Stück einen nicht gefangen nimmt und der Schlussapplaus entsprechend verhalten war, lag wohl auch daran, dass zu viel erzählt und zu wenig gespielt wurde. Um die Geschichte so zu vermitteln, wie es Štormans Absicht war, hätte es eines Psychogramms Gatsbys bedurft. Aber der tritt als Mensch kaum in Erscheinung. Um sein Innenleben, sein Fühlen und seine Qualen, ging es nicht.

Auch ein voyeuristische Haltung, zu der der Stoff geradezu einlädt, wird nicht bedient. „Der große Gatsby“ kann ein Fest für die Augen sein. Ansätze waren zu erleben. So hat Amit Epstein (Kostüme) für Daisy atemberaubend schöne Kleider entworfen. Ihre Augen aber sind grotesk geschminkt. Das Abstoßende wird gleich mitgeliefert. So gerät das Ganze zur Geschichte eines angekündigten Scheiterns, die einen ein wenig ratlos zurücklässt.

Weitere Vorstellungen: morgen, 19.30 Uhr, So, 5. 10., 18 Uhr, Großes Haus des Theaters Lübeck.

Fünf Verfilmungen
Der Roman „Der große Gatsby“ des US-Amerikaners F. Scott Fitzgerald erschien im Jahr 1925 und war zunächst kein großer Erfolg. Die Handlung spielt in den „Roaring Twenties“ auf Long Island in der Nähe von New York. Fitzgerald kannte sich dort gut aus, weil er selbst dort gelebt hatte. Heute gilt „Der große Gatsby“ als einer der wichtigsten Romane der modernen amerikanischen Literatur. Fitzgerald erlebt den großen Erfolg nicht. Er starb 1940 im Alter von 44 Jahren. Fünf Mal wurde „Der große Gatsby“ bisher verfilmt. Zu den bekanntesten Versionen gehört der Film von Jack Clayton mit Mia Farrow und Robert Redford, der 1974 in die Kinos kam. Im vergangenen Jahr war Leonardo DiCaprio als großer Gatsby (Regie: Baz Luhrmann) zu sehen.

Liliane Jolitz

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