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Kultur im Norden Liebe, Suff und Langeweile
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21:10 16.03.2013
Von Liliane Jolitz
Austausch über die Leiden der Männer. Der Arzt Astrow (l., Matthias Hermann) und Iwan Petrowitsch Wojnizkij, genannt Onkel Wanja (Thomas Schreyer). Quelle: Fotos: Lutz Roeßler
Lübeck

Der Russe ist einer, der Birken liebt, eingelegte Gurken, Tee aus dem Samowar. Und natürlich Wodka. Alle diese Dinge spielen eine Rolle in Klaus Hemmerles Inszenierung von Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Die Birken allerdings kommen nur auf einem riesenformatigen Landschaftsgemälde vor: vorn wogende Weizenfelder, hinten ein paar Bäume. Das Bild hängt völlig schief. Hohe Regale links und rechts auf der Bühne, viele Tische stehen im Raum, aber die Möbel füllen ihn nicht aus.

Es wird viel gesoffen. Auch Tee wird getrunken. Der aber kommt nicht aus dem Samowar, es gibt Teebeutel. Der Regisseur hat das Ende des 19. Jahrhunderts entstandene Stück in eine Zeit geholt, die näher dran ist an unserer Gegenwart.

Das ungelebte Leben, die Langeweile, die vergebliche Suche nach Liebe und einem Lebenssinn: Tschechow lässt seine Charaktere schwer leiden.

Im Begleitheft des Theaters wird das Publikum eingestimmt, was es zu erwarten hat. „Wohlan, lieber Leser, man muss die Stücke Tschechows wie Komödien spielen und lesen. Sie sind lustig. Sie belustigen sich. Sie sind lebendig.“ Worte des französischen Theaterschauspielers, -regisseurs und -intendanten Jean Vilar (1912-1971). Hemmerle hat sich sich wohl vorgenommen, sich strikt daran zu halten. Besonders heftig trifft es Iwan Petrowitsch Wojnizkij, genannt Wanja. Thomas Schreyer verkörpert den Gutsverwalter. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat er damit verbracht, sich abzurackern für den von ihm einst hochverehrten Kunstprofessor Serebrjako (Sven Simon). Nun hat er die Hochachtung vor ihm verloren und schwer an der Desillusionierung zu tragen.

Wanja, der mit seinem Jammern und Klagen seinen Mitmenschen auf die Nerven geht, wird zur Witzfigur. Das Bett ist sein Rückzugsort. Wohl deshalb hat man ihn in eine gestreifte Pyjamahose gesteckt — ein sicheres Mittel, an seiner Würde zumindest zu kratzen. Dass er dann auch noch mit heruntergelassener Hose herumlaufen muss, erledigt den Rest. Durch solch Bemühen, es richtig lustig zu machen, geht der feine Witz, der dem Stück innewohnt, manchmal unter.

„Onkel Wanja“ entstand in einer Zeit, in der es für Menschen auf dem Land wenig Abwechslung gab: keine iPads oder iPhones, um sich von der inneren Leere abzulenken, noch nicht einmal Radio oder Fernsehen. Auch Hemmerle gönnt den Akteuren kein Entkommen. Es wird musiziert — russisch klingende Lieder und Popsongs — oder auch mal am Kronleuchter geschaukelt, was eigenartig wirkt.

Die Darsteller sind redlich bemüht. Matthias Hermann in der Rolle des Astrow, Arzt und Naturschützer, Sven Simon sehr überzeugend als hypochondrischer Professor, Ingrid Noemi Stein als seine junge und schöne Frau Elena. Varia Linnéa Sjöström bezaubert als Wanjas Nichte Sonja — trotz unvorteilhafter Klamotten und klobiger Schuhe, die aus ihr noch lange nicht die hässliche Frau machen, die sie sein soll.

Farbe und Witz bringen zwei Nebenfiguren ins Spiel: Astrid Färber, die als füllige alte Kinderfrau Marina in scheußlichen gelben Latschen herumschlurft, und Henning Sembritzki als pockennarbiger Typ namens Waffel.

Ansonsten nimmt das Drama ziemlich zäh seinen Lauf. Als Schüsse krachen, löst sich das Landschaftsgemälde aus dem Rahmen und sinkt zu Boden. Zwei Stunden lang hat das Publikum am Ende dabei zugesehen, wie eine Welt sich aufgelöst hat und zusammengekracht ist. So richtig lustig war das nicht.

Weitere Vorstellungen: heute, 18.30 Uhr (Theatertag), 28. März, 20 Uhr, 6. April, 20 Uhr.

Man muss die Stücke Tschechows wie Komödien spielen und lesen. Sie sind lustig. Sie belustigen sich. Sie sind lebendig.“Jean Vilar, französischer

Theaterregisseur (1912-1971)

Liliane Jolitz

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