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Liebe in Zeiten der Cholera

Lübeck Liebe in Zeiten der Cholera

„Tod in Venedig“ nach der Novelle von Thomas Mann am Theater Lübeck mitreißend inszeniert.

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Seinen Gefühlen ausgeliefert: Gustav Aschenbach (Andreas Hutzel) hat sich hoffnungslos in den schönen Tadzio (Phillip Gutberlet) verliebt.

Quelle: Fotos: Falk von Traubenberg (2), Dpa

Lübeck. Die Stadt liegt hinter einem Schleier, der ihren Glanz und ihre Helligkeit dämpft. Auf der Suche nach dem „Fremdartigen und Bezuglosen“ ist Gustav Aschenbach nach Italien gereist. „Der Tod in Venedig“, Thomas Manns Novelle von 1911, ist eine Liebesgeschichte mit tragischem Ausgang – und noch viel mehr. „Es würde der Sache nicht gerecht, wollte man behaupten, der Schriftsteller verliebe sich in einen schönen Jungen oder entbrenne in Begehren für ihn. Ihm widerfährt etwas viel Tieferes: Seine Sicht des Lebens und des Menschen, von Bildung und Kunst ändert sich“, schrieb der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa in einem Essay über die Figur Gustav Aschenbach.

LN-Bild

„Tod in Venedig“ nach der Novelle von Thomas Mann am Theater Lübeck mitreißend inszeniert.

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„Der Tod in Venedig“ gehört zu Thomas Manns erfolgreichsten Werken. Der aus Österreich stammende Regisseur Michael Wallner hat am Theater Lübeck bereits „Der Zauberberg“ und „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ für die Bühne adaptiert. „Tod in Venedig“ war kein fügsamer Stoff. Denn erstens enthält die Novelle kaum Dialoge. Und zweitens spricht kein Mensch so, wie Thomas Mann schreibt. Dennoch hat Wallner den Originaltext belassen mit allen Anforderungen, die damit sowohl an Darsteller wie auch an Zuschauer gestellt werden. Das Ergebnis ist Authentizität.

Auch ansonsten hält sich Wallner an das Original. Eine schillernde Schar, auf die Aschenbach trifft, sowie das Personal, das ihn in seinem Hotel am Strand von Venedig umgibt, treiben die Geschichte voran: Matthias Hermann unter anderem als Hotelmanager, Nadine Boske als Zimmermädchen, Will Workman als Kellner, Katrin Hauptmann als Hausdame. Für noch mehr Farbe sorgt Robert Brandt als greiser Geck und als Figaro, der Aschenbach die ergrauten Haare färbt. Denn: „Angesichts der süßen Jugend, die es ihm angetan, ekelte ihn sein alternder Leib, der Anblick seines grauen Haares, seiner scharfen Gesichtszüge stürzte ihn in Scham und Hoffnungslosigkeit.“

Andreas Hutzel führt als Gustav Aschenbach die Entwürdigung vor Augen, die mit der unerfüllten Liebe zu dem Knaben Tadzio unaufhaltsam voranschreitet. Er wird sich im wahrsten Sinne des Wortes entblößen, sich – nur noch halb bekleidet – auf dem Boden wälzen, im Haar noch die grotesken Aluwickel, die ihm zu einem jugendlicheren Aussehen verhelfen sollen. Nichts scheint geblieben zu sein von dem ebenso klugen und überlegten Schriftsteller. Andreas Hutzel brilliert in dieser Rolle. Ihm gelingt es, Aschenbachs Glühen, seine Zerrissenheit, Zweifel, seinen inneren Kampf und schließlich seine Kapitulation unter Wahrung seiner Würde zu zeigen.

Erzählt wird auch von der Entzauberung einer Stadt. Wenn es um Verharmlosung und Vertuschung geht, braucht man nach aktuellen Bezügen nicht zu suchen. Viele Beispiele drängen sich auf, auch wenn es nicht die Cholera ist, die heutzutage wütet. Zudem geht die Geschichte Aschenbachs in einer Zeit, in der Beziehungen beendet werden, wenn sie nicht mehr als nützlich erscheinen, besonders nahe.

Dem Premierenpublikum gefiel diese mitreißende Inszenierung, an der alles stimmt: Das schlichte, aber sehr effektvolle Bühnenbild von Heinz Hauser, die eleganten Kostüme von Angelika Lenz, die Musik aus der Zeit des Fin de Siècle von Willy Daum, Edgar Herzog und Peter Innig fügen sich zu einem großen Ganzen. Der Schüler Phillip Gutberlet als Tadzio bekam Extra-Applaus, ebenso Nataliya Konoshchenko (seine Mutter), Helga Freyer (Gouvernante) und Martha Pritzkuleit (Tadzios Schwester).

Weitere Vorstellungen: Sa, 18. Juni, Sa, 25. Juni, 20 Uhr, Kammerspiele

Liliane Jolitz

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