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„Liebe ist nicht die Lösung aller Probleme“

Lübeck „Liebe ist nicht die Lösung aller Probleme“

„Ein ganzes halbes Jahr“, der wichtigste Roman der Britin Jojo Moyes, ist auch im Kino erfolgreich. Die Autorin hat sich intensiv mit dem Thema Sterbehilfe beschäftigt.

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Sam Claflin als querschnittsgelähmter Will und Emilia Clarke als Pflegerin Louise im Film „Ein ganzes halbes Jahr“.

Quelle: dpa

Lübeck. Frau Moyes, wie ist das für Sie, dass Ihr erfolgreichster Roman nun als Film ein Eigenleben führt?

LN-Bild

„Ein ganzes halbes Jahr“, der wichtigste Roman der Britin Jojo Moyes, ist auch im Kino erfolgreich. Die Autorin hat sich intensiv mit dem Thema Sterbehilfe beschäftigt.

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Jojo Moyes: Ich bin schon etwas nervös, wie der Film hier aufgenommen wird. Denn Deutschland ist mein größter Markt. Die ersten Reaktionen aus den Ländern, in denen der Film schon länger läuft, waren extrem positiv. In England sind wir sofort auf Platz 1 geschossen und in den USA stehen wir auch ganz gut da.

Warum ist Deutschland Ihnen so wichtig?

Moyes: Deutschland ist für mich immer noch ein Phänomen. Ich kann’s mir nicht genau erklären, warum meine Romane hier von Anfang an so gut ankommen! Vielleicht gefällt es den Deutschen, dass bei mir Gefühle nicht nur eindimensional sind. Ich verknüpfe Liebe mit Humor und Melancholie. Hier in Deutschland bin ich auch zum ersten Mal erkannt worden, in einem Münchner Hotel. Die Frau an der Rezeption bestand darauf, mich ihrem Chef vorzustellen. Das war schon eigenartig, da fühlte ich mich zum ersten Mal... (überlegt)

...berühmt?

Moyes: Sagen wir: Nicht mehr anonym! Ich spreche leider kein Deutsch, aber die deutschen Titel meiner Bücher kann ich alle ganz gut herunterbeten: „Weit weg und ganz nah“, „Ein ganzes halbes Jahr“...

Sie haben selbst das Drehbuch zu „Ein ganzes halbes Jahr“ verfasst. Wie kam es dazu?

Moyes: Das hatte ich nie vor. Denn ich wusste, es ist der Albtraum eines jeden Studios, wenn Romanautoren ihre Werke selbst umarbeiten. Aber dann fragte mich die Produzentin erst, ob ich jemanden empfehlen könnte, und später, ob ich mir vorstellen könnte, das Drehbuch selbst zu schreiben. Ich dachte erst, sie macht Witze. Wenn’s schief geht, hatte ich mir dann überlegt, bleibt bis Drehstart noch Zeit genug, damit es noch mal von einem Profi umgeschrieben werden kann. Aber es hat geklappt. Und dann durfte ich auch mit ans Set.

Ungewöhnlich: Denn da sind Drehbuchautoren so beliebt wie ein Magen-Darm-Virus...

Moyes: Ich habe mich auch erst mal bei erfahrenen Drehbuchautoren erkundigt, wie ich mich am Set am besten verhalte. Und wie ich vermeide, der Regisseurin ihren Job zu erschweren. Also blieb ich im Hintergrund und saß beim Regieassistenten oder den Fahrern. Wenn die Regisseurin Hilfe brauchte, kam sie zu mir. So haben wir uns kein einziges Mal gezofft.

Sie reagieren allergisch, wenn Ihre Bücher als Frauenromane bezeichnet werden. Kann Moyes auch Männer rühren?

Moyes: Wenn mir Männer erzählen, mein Buch habe sie zu Tränen gerührt, bekomme ich drei Punkte, bei Frauen kriege ich nur einen Punkt. Männer begleiten wahrscheinlich in erster Linie ihre Partnerin ins Kino, aber dann identifizieren sie sich mit der Hauptperson, dem querschnittsgelähmten Will. Erst letzte Woche hat mir ein Mann geschrieben, dass der Film einen Teil von ihm geöffnet hat, den er lange Zeit verdrängt hatte. Männer haben nichts dagegen, auch mal zu weinen.

Es geht um Sterbehilfe. Will sitzt nach einem Motorradunfall im Rollstuhl und möchte sein Leben beenden. Die Aushilfspflegerin Louisa versucht ihn in sechs Monaten umzustimmen. Warum haben Sie sich für eine Liebesgeschichte solch einen Problemfall ausgesucht?

Moyes: Weil ich selbst betroffen war. Und weil ich über das schreibe, was mir im Kopf herumspukt. Ich hatte in meinem engsten Familienkreis 2008 und 2009 plötzlich zwei Pflegefälle, die rund um die Uhr betreut werden mussten. Also haben wir uns zuhause viel damit beschäftigt, wie man die Lebensqualität von Pflegebedürftigen verbessern kann, ohne ihnen die Hoffnung, Freude und Würde zu nehmen. Zeitgleich erfuhr ich vom Fall eines jungen Rugby-Spielers, der nach einem Unfall querschnittgelähmt war und nach mehreren Jahren Pflege seine Eltern so weit hatte, ihn zu Dignitas in die Schweiz zum Sterben zu bringen. Sein Fall hat mich besonders beschäftigt, weil er so jung war, Mitte 20. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum er sterben wollte und wieso seine Eltern diesem Wunsch zustimmen. Daher habe ich alles gelesen, was ich finden konnte.

Das war also noch die Journalistin in Ihnen am Ruder.

Moyes: Stimmt. Je mehr ich las, realisierte ich, dass es auf diese Frage keine richtigen und falschen Antworten gibt. Ich habe mich daher in seine Situation hineinversetzt und mich gefragt, ob ich dieses Schicksal annehmen könnte und damit leben würde. Ich hatte aber eher den Verdacht, dass ich hadern würde und verbittert wäre. Ich habe mich mit einem Freund darüber unterhalten, der schon seit Jahrzehnten im Rollstuhl sitzt. Er sagte mir, dass keiner sich traut, diese heikle Frage anzusprechen. Niemand wollte wissen, wie es wirklich in ihm aussieht, sondern möchten hören, dass er gut klar kommt.

Ihr Will fliegt letztlich in die Schweiz, wo er kurze Zeit später stirbt. Könnte nicht Liebe das ultimative Motiv sein, um zu leben?

Moyes: Die Liebe ist nicht die Lösung aller Probleme. Schön, wenn es so wäre! Doch die Realität sieht halt anders aus. Hätte ich die Story so enden lassen, dass die Liebe siegt, hätte das die Menschen nicht so nachhaltig beschäftigt. Es ist notwendig, dass wir uns damit intensiv auseinandersetzen.

Erfolgreich mit Roman und Film

Jojo Moyes , geboren am 4. August 1969 in London, ist die erfolgreichste ausländische Autorin auf dem deutschen Buchmarkt. Ihr Roman „Ein ganzes halbes Jahr“ von 2013 steht aktuell auf Platz 4 der „Spiegel“-Bestsellerliste, bei den Paperback-Büchern nimmt er sogar Platz 1 ein.

Die Verfilmung von „Ein ganzes halbes Jahr“ steht auf Platz 1 der deutschen Kino-Charts. Die Geschichte um den lebensmüden Tetraplegiker Will und seine Aushilfspflegerin Louisa bietet nicht nur feuchte Taschentücher, sondern auch Diskussionsstoff. Im Zentrum steht die Frage: Wann ist das Leben lebenswert? Der Film von Thea Sharrock lebt von langen und ruhigen Einstellungen, von den farbenfroh-kuriosen Outfits von Louisa und von den ständigen Nahaufnahmen der Gesichter der beiden Protagonisten.

Interview: Mariam Schaghaghi

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