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Kultur im Norden Liebe und Fehden im Containerdorf
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20:23 01.07.2017
„West Side Story“ bei den Schlossfestspielen vor dem Schloss in Schwerin auf der 700 Quadratmeter großen Bühne. Quelle: Fotos: Jens Büttner/dpa, Silke Winkler
Schwerin

Es war sehr nass. Der Dauerregen wurde zur schweren Hypothek bei der Open-Air-Premiere von Leonard Bernsteins Musical „West Side Story“ in Schwerin.

Insgesamt 24 Vorstellungen

Das Musical „West Side Story“, eine moderne Version der Shakespeare-Tragödie „Romeo und Julia“, wurde 1957 im New Yorker Winter Garden Theatre uraufgeführt.

Die Schweriner Inszenierung wird bis 6. August in insgesamt 24 Vorstellungen gezeigt – donnerstags bis sonntags. Karten: (0385) 53 00 123.

Dass die von Simon Eichenberger ideenreich inszenierte Freilicht-Produktion des Mecklenburgischen Staatstheaters dennoch nicht absoff, sondern zu einem schönen Erfolg wurde, war dem allen Widrigkeiten des Wetters bravourös trotzenden Ensemble zu verdanken wie auch dem beifallfreudigen Premierenpublikum in der erstaunlich gut gefüllten Arena auf dem Alten Garten.

Dabei setzt Eichenberger keineswegs nur auf eine szenisch garnierte Hitparade, gemacht aus gesungenen und getanzten Evergreens von „Maria“ bis „Somewhere“. Vielmehr kitzelt er die im Musical enthaltene Gesellschaftskritik deutlich heraus und transformiert sie aus dem New York der 1950er Jahre in unsere Tage.

Schauplatz sind nicht mehr die Straßen und Hinterhöfe Manhattans, sondern ein graffitibuntes und gleichzeitig trist anmutendes Containerdorf, in dem statt der Jugendbanden der „Jets“ (weiße Amerikaner) und der „Sharks“ (farbige Puerto-Ricaner) genauso gut Flüchtlinge von heute hausen könnten. So oder so, die jungen Leute wollen aus ihren konfliktträchtigen Gettos heraus, sie schließen sich zusammen in verschworenen Gemeinschaften oder bekämpfen sich in blutigen Fehden.

Für den Gegensatz zwischen dem Traum von einem besseren Leben und der rauen Wirklichkeit findet Stephan Prattes ein hinreißend signifikantes Bild. Auf einer formatfüllenden Schräge postiert er einen Nachbau der Goldkuppel des Schweriner Schlosses. Aber was für einen! Die Kopie, neben der ein trauriger Rest des die Kuppel krönenden Engels liegt, ist zerborsten und verrußt. Eine bewohnte Ruine vor dem Hintergrund des realen Schlosses in seiner sanierten Schönheit. Augenfälliger kann man die Kluft zwischen denen da unten und jenen da oben kaum zeigen.

Dennoch verbeißt sich Eichenberger nicht in gesellschaftskritische Fragen. Ein Musical ist ein Musical und keine moralische Anstalt. Und so erzählt er die tragische Geschichte von Tony und Maria, die in Shakespeares Vorlage Romeo und Julia heißen, in einer schwungvollen Aufführung, die gespickt ist mit rasanten und nur durch die Glätte der regennassen Spielfläche etwas gebremsten Tanzeinlagen, mit oft wunderbar dargebotenen, zwischen frech und innig oszillierenden Gesangsstücken sowie einer den Bogen von Cool Jazz, lateinamerikanischen Rhythmen und sinfonischen Klängen überspannenden Musik. Eine Herausforderung, die von der Staatskapelle unter der Leitung von Generalmusikdirektor Daniel Huppert famos gemeistert wird.

Herausragend im Ensemble: Maria, Tony, Anita. Mercedesz Csampai verkörpert mit viel Leidenschaft die Maria als junge Frau, die auf dem Weg zu sich selbst ist. Durch die Liebe zu Tony kann sie sich befreien aus der Vormundschaft ihres Bruders Bernardo (Joey Ferre), und die Love Story verhilft auch Tony (Jörn-Felix Alt) zur ersehnten Selbstfindung. Erotisch knisternd Sidonie Smith als Bernardos Geliebte Anita. Schließlich sind Tony, Bernardo und der „Jets“-Leitwolf Riff tot. Opfer von Hass und Ausgrenzung.

Am Ende aber leuchtet das schon in nächtliches Dunkel gehüllte Schloss noch einmal hell auf. Und das ist wie eine Verheißung.

Hermann Hofer

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