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19:12 27.04.2016
Regisseurin Bihler mit Schauspieler Benjamin Radjaipour. Quelle: Roeßler

„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ ist ein Theaterstück, das Rainer Werner Fassbinder 1972 im Stil der Zeit und in seiner Low-Budget-Ästhetik verfilmte — mit Darstellerinnen, die vor Dekadenz strotzen. Nun kommt der Stoff auf die Bühne der Kammerspiele des Theaters Lübeck, Regie führt eine Frau, die in einem anderen Jahrhundert kulturell sozialisiert wurde — die 1988 geborene Lucia Bihler.

„Die 1970er Jahre und ihr Gesellschaftsbild sind in dieses Stück natürlich eingeschrieben“, räumt die Regisseurin ein. „Aber es geht um ein überzeitliches Phänomen: um das Besitzenwollen in einer Beziehung, um Macht, um das Verschlingen eines Partners, den man nicht verdauen kann und wieder ausscheidet.“ Petra ist bei Fassbinder eine so erfolgreiche wie blasierte und vereinsamte Modeschöpferin, die sich in ein Model verliebt und die junge Frau mit den Mitteln der gesellschaftlich Höhergestellten an sich bindet. Mit Geld und einem Job. Was natürlich nicht lange funktioniert.

„Man muss lernen zu lieben, ohne zu fordern“, diese Erkenntnis der Petra von Kant werde auch heute noch nicht befolgt, sagt Lucia Bihler.

Fassbinders Stück sah nur Darstellerinnen vor. Margit Carstensen in der Titelrolle und Hanna Schygulla als Model rieben sich auf delikate Weise aneinander. Doch Bihler hat auf ihrer Besetzungsliste drei Männer. „Ich besetze nie nach Geschlechtern, sondern danach, wer einer Rolle etwas Besonderes geben kann“, bescheidet sie. Ihre Figuren sind gesichtslos, sie tragen Masken von Nacktkatzen, luxuriösen Tieren, die besonders empfindlich sind, ihre Kostüme sind Kreationen bedeutender Modeschöpferinnen. Alle Darsteller verkörpern — in choreografierter Personenführung — Petra von Kant. Bis auf Benjamin Radjaipour, der die stumme Dienerin spielt — auch ein Machtopfer in Fassinders Boheme-Reigen. „Für mich hat sich die Geschlechterfrage gar nicht gestellt“, sagt der junge Gastschauspieler. „Das Kostüm legt die Figur als weiblich fest.“

Premiere: morgen, 20 Uhr, Kammerspiele des Theaters Lübeck

Von mib

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