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Lieben bis zum Untergang

Lübeck Lieben bis zum Untergang

Michael Wallner inszeniert am Theater Lübeck „Tod in Venedig“ nach der Novelle von Thomas Mann. Premiere ist am Sonnabend in den Kammerspielen.

Gefangen in seiner Zuneigung zu einem Knaben: Andreas Hutzel als Gustav Aschenbach in „Tod in Venedig“.

Quelle: Falk von Traubenberg

Lübeck. Thomas Mann hat seine Novelle „Der Tod in Venedig“ die „Tragödie einer Erniedrigung“ genannt. „Das mag aus der Sicht des Autors stimmen“, sagt Michael Wallner.

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Michael Wallner inszeniert am Theater Lübeck „Tod in Venedig“ nach der Novelle von Thomas Mann – Premiere ist am Sonnabend in den Kammerspielen.

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Wenn er sich jedoch in die Hauptfigur hineinversetze, dann spüre er die Tragödie einer Obsession, die Geschichte einer ausweglosen Leidenschaft. Michael Wallner, gelernter Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur, hat den Stoff für die Bühne adaptiert. Nach „Der Zauberberg“ und „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ ist „Tod in Venedig“ seine dritte Thomas-Mann-Bearbeitung und -Inszenierung am Theater Lübeck.

Hauptfigur ist Gustav Aschenbach, ein bekannter, schon seit langem verwitweter Schriftsteller. Einem Impuls folgend reist er nach Venedig. Dort begegnet er Tadzio, einem schönen Jungen, der mit seiner Familie im selben Hotel wohnt wie er. Aschenbach verliebt sich unsterblich in ihn. Obwohl er nie ein Wort mit ihm spricht, verfällt er dem Jungen immer mehr – so sehr, dass er unbedingt in seiner Nähe bleiben will, obwohl er weiß, dass sich die Cholera in Venedig ausbreitet.

Für Thomas Mann war die Novelle, die er 1911 schrieb, ein Wagnis. Über seine eigenen homoerotischen Neigungen und die Frage, welche autobiografischen Züge er Aschenbach verliehen hat, ist seither ausgiebigst gesprochen und geschrieben worden. Es liegt keine Brisanz mehr darin.

Für Wallner ist „Tod in Venedig“ vor allem eine „sehr traurige Liebesgeschichte“, Aschenbach ein Mensch, der bis in seine 50er Jahre hinein sein Leben weitgehend geistig gelebt habe, in Liebesdingen unerfahren sei und einem Traum hinterherlaufe bis in sein eigenes Verderben. „Seine Neigung, seine Obsession hat er vielleicht ein Leben lang unterdrückt oder kompensiert, möglicherweise in sein künstlerisches Schaffen übersetzt“, meint Wallner. Wie ein Kind sei er seinen Gefühlen ausgeliefert. Die Hilflosigkeit Aschenbachs gebe der Geschichte eine berührende Menschlichkeit.

Anders als beim „Zauberberg“ war es nicht die Länge des Textes, die sich einer Bühnenfassung in den Weg stellt. Aber die Novelle enthält sperrige Passagen, ist durchgängig in der dritten Person geschrieben und verzichtet fast vollständig auf Dialoge. Dennoch hält sich Wallner an den Originaltext. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Menschen um Aschenbach herum. Die Hotelangestellten – Manager, Hausdame, Zimmermädchen, Kellner – sind seine guten und bösen Geister, die immer tiefer in ihn hineinkriechen. Nadine Boske, Katrin Hautpmann, Robert Brandt, Matthias Hermann, und Will Workman sind in diesen und weiteren Rollen zu erleben. Als alternder Schriftsteller Aschenbach ist Andreas Hutzel zu sehen. Eine wichtige Figur suchte man vergeblich in der Besetzungsliste: Tadzio. Wallner hat diese Rolle ebenso wie die seiner Familienmitglieder mit Statisten besetzt. Denn Tadzio sei eine Projektionsfigur, die tragen müsse, was Aschenbach in ihn hineinträume, sagt der Regisseur.

Dabei steht der Schauplatz Venedig selbst für unerfüllte Sehnsüchte. Der Regisseur hat das Stück in seiner Zeit gelassen. Es brauche dieses Flair von Eleganz und Reichtum. Allerdings erscheint die Stadt nicht sonnig und grell, sondern durch Nebel verhangen – ein Ort der Träume und des Todes.

Premiere am Sonnabend, 4. Juni, um 20 Uhr in den Kammerspielen, Theater Lübeck.

 Liliane Jolitz

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