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Liebende im Räderwerk der Macht

Schwerin Liebende im Räderwerk der Macht

Die Schweriner Schlossfestspiele starten mit opulenter Aida-Premiere vor 1600 Besuchern – Die Inszenierung ist überfrachtet, aber Gesangssolisten und Orchester bieten große Kunst.

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Feldherr Radames (M., bei der Probe von James Lee gesungen, bei der Premiere von Steffen Schantz) rückt mit den ägyptischen Truppen gegen die Äthiopier aus.

Quelle: Fotos: Dpa, Winkler

Schwerin. Quantitativ war die Open-Air-Premiere von Verdis „Aida“ bei den Schweriner Schlossfestspielen am vergangenen Wochenende eine Produktion der Superlative: 200 Mitwirkende, darunter ein 80-köpfiger Chor und die Mecklenburgische Staatskapelle, 300 Kostüme, ein Elefant und zwei Kamele auf einer 30 mal 30 Meter großen Bühne vor dem reizvollen Ensemble auf dem Alten Garten. Das ergab, unbeeinträchtigt von leichtem Regen, ein spektakuläres Erlebnis für 1600 Zuschauer, die dies mit heftigem Beifall honorierten.

LN-Bild

Die Schweriner Schlossfestspiele starten mit opulenter Aida-Premiere vor 1600 Besuchern – Die Inszenierung ist überfrachtet, aber Gesangssolisten und Orchester bieten große Kunst.

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Regisseur Georg Rootering und Ausstatterin Romaine Fauchere haben Verdis geniale Kreuzung aus Prunkoper und innerem Musikdrama als Breitwand-Raum-Installation in Szene gesetzt – ganz nach der Open-Air-Ästhetik, die das Opernhafte an der Oper hervortreibt und auf ein Publikum zielt, das eher genussvoll unterhalten als seelisch beunruhigt werden will.

Keine Exotik im

Alten Garten

Die Oper in vier Akten war ein Auftragswerk des ägyptischen Königshauses an Verdi (siehe rechts), und ihr Schauplatz ist das alte Ägypten. Doch das Schweriner Regieteam verzichtet bei seiner Ausstattung auf jegliche altägyptische Exotik. Die karge Bühne ist vertikal gegliedert: das Obergeschoss für die Mächtigen, das Untergeschoss für die Ohnmächtigen.

Der Bühnenraum füllt sich immer neu mit farbig bewegten Tableaus: Ägyptische Soldaten in Khaki-Uniformen, Priester rot- weiß-golden berockt, Priesterinnen im blau-weißen Schleier, die gefangenen Äthiopier in Guantanamo-Overalls, das „Volk“ im bourgeoisen Frack und Belle-Epoque- Kleidern.

Das wirkt prunkvoll und dekorativ, ist von geschmackvoller Schönheit, aber nicht immer sinnreich und stringent. Auf diese Weise soll die alte Geschichte durchsichtig für moderne Bezüglichkeiten werden, unterstützt durch auf pyramidale Schrägen gebeamte Bilder des aktuellen arabischen Konflikt-Raums. Aber diese zusätzlichen optischen Eindrücke schrecken nicht, sie bleiben diffus und unverbindlich. Die Aktualisierung gelingt allerdings in der Triumph-Szene, in der der Siegesjubel fragwürdig gemacht wird – bis zu regnenden ironischen Goldfäden. Angeführt wird der Triumphmarsch von der Elefantenkuh „Mala“, deren Zwei-Minuten-Auftritt für Empörung bei Tierschützern vor der Aufführung gesorgt hatte.

Unter der flächigen Großartigkeit der Inszenierung, die auch noch zwei Kamele aufbietet, leidet die Geschichte zwischen Amneris, der ägyptischen Prinzessin, dem Feldherren Radames und der Sklavin Aida, in der diese im Widerstreit von vaterländischer Loyalität und Liebesstreben in das Räderwerk der Macht geraten und zermalmt werden. Hier wird sie zum Stimmungsbild von Liebe in Zeiten des Krieges ausgedünnt, auch weil Regisseur Rootering nicht immer charakteristische Arrangements einfallen. Nil-Akt und Grabesszene spielen auf einem blauen Sofa, der romantische Liebestod von Radames und Aida wird gegen das Libretto durch einen theatralischen Dropkick überstylt.

Ein vorzügliches Ensemble aus renommierten Gästen

Glanz ging vom Musikalischen aus, mit einer für Schweriner Verhältnisse außergewöhnlichen Gestaltung, die dem Geschehen eine innere Intensität gab, die es szenisch nicht immer hat: Das Orchester unter Gregor Rot musizierte mit federndem dramatischen Brio und mit melodischer Geschmeidigkeit, die anspruchsvollen Chöre mit Wucht, das Solistenensemble aus überwiegend renommierten Gästen sang vorzüglich – Aurore Ugolin als Amneris, nuancenreich im machtbewussten Stolz; Yannick- Muriel Noah als Aida, bewegend in ihrer lyrischen Innerlichkeit; Steffen Schantz aus Schwerin als Radames, der mit Bravour sein Debüt im Belcanto-Fach gab.

Mit der monumentalen Inszenierung beendet das Mecklenburgische Staatstheater seine Verdi-Trilogie bei den Schlossfestspielen.

Geschichte aus dem alten Ägypten

Giuseppe Verdi (1813- 1901) sträubte sich zunächst dagegen, im Auftrag des ägyptischen Vizekönigs Ismael Pascha eine Oper für das neue Opernhaus in Kairo zu komponieren. Das Werk sollte zur Eröffnung des Suezkanals (1869) aufgeführt werden. Doch Verdi lehnte ab, der Kanal-Festakt wurde dann mit Verdis „Rigoletto“ begangen. Ismael Pascha ließ nicht locker und spielte Verdi die Geschichte der „Aida“ zu, die der nicht ablehnen mochte, zumal er den Hinweis bekommen hatte, dass man das Projekt auch seinem Konkurrenten Richard Wagner antragen könnte. Ein weiterer Anreiz waren 150000 Goldfranken Honorar.

Die Geschichte handelt von der äthiopischen Prinzessin Aida, die in Ägypten als Sklavin am Hof der Königstochter Amneris dient. Aida liebt Radames, einen ägyptischen Heerführer, den jedoch auch Amneris für sich erwählt hat. Aida folgt am Ende Radames in den Tod – er wird wegen Landesverrats bei lebendigem Leib eingemauert.

Aufführungen bei den Schlossfestspielen Schwerin: bis 14. August, Do-Fr, 21 Uhr. Karten-Telefon: (0385) 5300-123.

Heinz-Jürgen Staszak

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