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Kultur im Norden Liebesseufzer und Funkensprühen
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18:12 04.04.2016

Deutschlands jüngstes Streichorchester war Gast der Lübecker Musikschule der Gemeinnützigen, und die Musikanten zwischen elf und 20 Jahren füllten auf Anhieb den Saal des Kolosseums. Voll besetzt war auch das Podium. Die jungen Leute in schwarzer Kleidung mit leuchtend türkisfarbenen Schärpen oder Krawatten machten schon äußerlich einen ausgezeichneten Eindruck. Vor 43 Jahren in Ost-Berlin gegründet, gehören der Deutschen Streicherphilharmonie inzwischen Mitglieder aus allen Teilen der Bundesrepublik an.

Nach einer intensiven Probenphase hatten sie sich für Lübeck ein umfangreiches Programm vorgenommen. Mit zwei selten zu hörenden Stücken von Jean Sibelius begann der Abend, dem Andante festivo und einem Impromtu; Musik, mit der die finnische Seele stimmungsvoll gezeichnet wurde. Max Bruch folgte. Er hat eine Serenade nach schwedischen Volksmelodien geschrieben: Vier Lieder werden von „Blaskapellen“ eingerahmt. Das wurde mit Spielwitz und guter Laune zelebriert, vom Liebesseufzer bis zum Tanz auf dem Dorfplatz.

Da es kein Programmblatt gab, betätigte sich Chefdirigent Wolfgang Hentrich als Conferencier. So erfuhr das Publikum, dass Franz Schubert („Ein guter Geiger“) den Solopart seines A-Dur-Rondos selber spielen wollte. Er gab auf: zu schwierig. In Lübeck glänzte Felicitas Schiffner (18) als Solistin. Vom ersten Einsatz an füllte ihr runder Geigenton den Saal. Virtuose Passagen spielte Schiffner ebenso souverän wie die melodische Linie. Das Rondo-Thema klang bei jeder Wiederholung eine Spur ausgelassener. Große Zustimmung im Saal und als Dank das Andante aus Bachs zweiter Solosonate.

Für die zweite Hälfte kündigte Wolfgang Hentrich eine „lockerere Stückfolge“ an. Das begann mit dem jungen Mozart und seinem Divertimento KV 138, in schlankem Ton, elegant vorgetragen, gefolgt vom Waliser Karl Jenkins. Der ist in vielen Bereichen aktiv, vom Jazz bis zur Werbemusik. Sein altväterlich anmutendes Stück „Palladio“ soll an den berühmten venezianischen Renaissance-Architekten erinnern. Griegs Präludium zur Suite „Aus Holbergs Zeit“ wurde mit breitem Pinsel ausgemalt. Dann Saint-Saëns, eine 13 Jahre junge Dame am Solocello mit dem Schwan aus dem „Karneval der Tiere“. Das war berührend und klangschön zugleich.

Mit sicherem Gefühl für Rhythmus servierte das junge Streichorchester einen Tango von Astor Piazzolla. Zum Schluss ein polnischer Komponist, Wojciech Kilar. Dass dessen Charakterisierung von Polens Bergwelt den Musikern besonders viel Freude machte, sah und hörte man. Einzelne Töne, kanonartig wiederholt, fächern sich auf, führen zu stampfender Motorik, die an Strawinskys „Sacre“ erinnert.

Mit diesem fulminanten Schluss war der Abend noch nicht zu Ende. Hentrich erschien mit eigener Geige. Funkensprühend beschworen die Mitglieder des Orchesters und ihr Chef den Sommer aus Vivaldis „Jahreszeiten“.

Von Konrad Dittrich

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