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Kultur im Norden „Literatur soll verscherbelt werden“
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21:19 04.07.2013
Eine der wichtigsten deutschen Gegenwartsautorinnen: Sibylle Lewitscharoff. Quelle: Foto: imago

Klagenfurt — Gestern begann im österreichischen Klagenfurt das vielleicht letzte Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Österreichische Rundfunk (ORF) will den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ seine Finanzierung entziehen. Die deutsche und österreichische Schriftsteller-Elite lief sofort Sturm gegen die Ankündigung. Der österreichische Autor Michael Köhlmeier kritisierte den Wettbewerb in seiner Klagenfurter Rede zur Literatur am Mittwoch zunächst heftig. Im Rückblick auf den Schriftsteller Jörg Fauser sprach er von einer „Feier der Literaturkritik, bei der die Autoren lediglich die Rolle von Sektgläsern spielen“. Doch am Ende nannte auch Köhlmeier es einen „Gewissensdienst“, gegen die „Abmurksung“ des Lesefestes zu protestieren.

Sibylle Lewitscharoff (59), die 1998 mit der Erzählung „Pong“ den Ingeborg-Bachmann-Preis errang, nennt den möglichen Verlust der Literaturinstitution „Tage der deutschsprachigen Literatur“ eine Katastrophe.

Die Romane der in Stuttgart geborenen und in Berlin lebenden Autorin („Apostoloff“, „Blumenberg“) werden beim in Schwierigkeiten geratenen Verlag Suhrkamp verlegt. Sie erhält in diesem Jahr die bedeutendste deutsche Literaturauszeichnung, den Büchner-Preis.

Lübecker Nachrichten: Erst der Suhrkamp-Verlag, jetzt der Bachmann-Preis von Klagenfurt — man gewinnt den Eindruck, dass alle großen Institutionen der deutschsprachigen Literatur angezählt sind. Ist als nächstes das Internationale Literaturfestival in Berlin dran oder das Lesefest „Leipzig liest“ während der dortigen Buchmesse?

Sibylle Lewitscharoff: „Leipzig liest“ sicher nicht, aber dem Internationalen Literaturfestival in Berlin würde ich den Untergang wünschen, das war von Anfang an Murks. Der Verlust der Klagenfurter Literaturtage oder des Verlags Suhrkamp wäre freilich eine Katastrophe. Suhrkamp ist ein erstklassiger Verlag, der seine Autoren ausgezeichnet betreut. Diese Speerspitze der Geistigkeit brauchen wir. Wenn ich über die Zukunft von Suhrkamp nachdenke, bin ich allerdings sehr positiv gestimmt.

LN: Ihr Schriftsteller-Kollege Uwe Tellkamp hat jetzt gefordert, Suhrkamp und Klagenfurt als Kulturdenkmäler zu schützen. Halten Sie das für sinnvoll?

Lewitscharoff: Ich halte das für eine ganz richtige Idee. Diese Institutionen prägen unser Geistesleben und haben ihre Bedeutung über Jahre aufgebaut. Es wäre beschämend, diese bedrohten Geistestempel so sang- und klanglos untergehen zu lassen.

LN: Das erinnert ein wenig an die Bestrebung des deutschen Bühnenvereins, die deutsche Theaterlandschaft von der Unesco zum Weltkulturerbe aufwerten zu lassen. Erklären Künstler, die das fordern, ihre Institutionen damit nicht selbst für museumsreif?

Lewitscharoff: Nein, das denke ich nicht. Ohnehin ist Tellkamps Vorschlag nicht alltagstauglich, staatliche Subventionen bis ins letzte Tezett sind nun einmal nicht möglich. Aber dennoch ist der Hinweis auf bedrohte Geistestempel nicht falsch. Wie sich diese im Detail behüten lassen, ist aber eine andere Frage. Ich hoffe, dass sich für den Bachmann-Preis in Klagenfurt noch ein anderer Sponsor findet, die Alternative wäre allzu traurig.

LN: Lässt sich der intellektuelle Gehalt von Literatur überhaupt vor dem Zugriff des Marktes und den dazugehörigen Streitigkeiten bewahren?

Lewitscharoff: Nur in begrenztem Maße. Ein Verlag kann sich zum Beispiel nicht nur entlegene Autoren leisten, er braucht auch ein paar Zugpferde. Das ist eine Mischkalkulation. Die größte Gefahr sehe ich derzeit in der Aushebelung des Urheberrechts im Internet und in der Aufweichung der Buchpreisbindung durch das anvisierte Freihandelsabkommen mit den USA. Das würde Tür und Tor öffnen für die Verscherbelung von Literatur zu Dumpingpreisen, die Existenz von Buchhandlungen als Kulturorte wäre bedroht. Ein entsetzlicher Gedanke.

LN: Sie erhalten im Herbst den Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Haben Sie ein persönliches Verhältnis zu Büchner, dessen 200. Geburtstag im Oktober gefeiert wird?

Lewitscharoff: Nein, ich bin gerade damit beschäftigt, mich einzulesen. Ich habe seine Theaterstücke auf der Bühne gesehen, aber die waren alle entsetzlich schlecht inszeniert. Aber dafür kann Büchner ja nichts. Er ist also kein Lieblingsautor von mir, ich muss mich erst an ihn herantasten. Die wunderbare Villa Massimo in Rom gibt mir als Stipendiatin zum Glück alle Annehmlichkeiten, um in Ruhe an meiner Rede für die Verleihung im Oktober zu feilen. Das ist ein wunderbares Geschenk.

LN: Büchner hatte für Konventionen nicht viel übrig. Was würde er davon halten, dass ein so bedeutender Literaturpreis nach ihm benannt ist?

Lewitscharoff: Was weiß man denn von Toten? Aber die Frage lässt sich anders beantworten: Es ist der sehnlichste Wunsch eines jeden Schriftstellers, nach dem Tod weiter Bedeutung zu erfahren, etwa durch solch einen Preis oder die Inszenierung seiner Theaterstücke. Man wünscht sich, dass man mit dem Tod nicht einfach erlischt. Und Büchner ist ein grandioses Nachleben beschert, das wird ihn sicher freuen, wo immer er weilt.

Klagenfurter Lesewettbewerb: 25 000 Euro für frische Literatur
Der Ingeborg-Bachmann-Preis gilt als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Namensgeberin ist die österreichische Schriftstellerin und Lyrikerin Ingeborg Bachmann (1926-1973), die in Klagenfurt geboren wurde. Zu ihren bekanntesten Werken zählen das Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ und der Roman „Malina“. Der Preisträger wird in einem öffentlichen Wettbewerb in Klagenfurt am Wörthersee ermittelt. Die Teilnehmer stellen ihre Texte, die bis dahin nur den Juroren bekannt sind, in einer etwa 20-minütigen Lesung vor Publikum vor. Im Anschluss debattiert die Jury öffentlich über die Beiträge. Nach dem dreitägigen Wettbewerb wird der mit 25 000 Euro dotierte Bachmann-Preis verliehen, der von der Stadt Klagenfurt gestiftet wird.

Die Dotierungen anderer Auszeichnungen im Rahmen der Veranstaltung werden unter anderem von Banken und Verlagen übernommen. Der Wettbewerb wurde 1976 ins Leben gerufen und wird zum Großteil vom öffentlich-rechtlichen Sender ORF finanziert. Bis morgen lesen 14 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz um die Wette, darunter auch der bekannte Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff, der in der kommenden Saison ans Schauspielhaus Hamburg wechselt. Am Sonntag wird der Bachmann-Preis verliehen.

3Sat überträgt die Bachmann-Lesungen heute ab 10.15 Uhr, morgen ab 9.45 Uhr, am Sonntag wird die Preisverleihung ab 11 Uhr gezeigt.

Interview: Nina May

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