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Lübeck ist „Die Stadt aus Rauch“

Neuer Lübeck-Roman Lübeck ist „Die Stadt aus Rauch“

Wer heute einen großen Lübeck-Roman schreibt, steigt in große Fußstapfen. Thomas Manns „Buddenbrooks“ schwebt wie ein Damoklesschwert über Autoren, die sich der Hansestadt als Thema widmen wollen. Svealena Kutschke hat es dennoch gewagt.

Svealena Kutschke hat einen Roman über ihre Heimatstadt geschrieben.

Lübeck. „Stadt aus Rauch“ nannte sie ihren Roman, der es auf stattliche 668 Seiten bringt. Sieben Jahre hat sie an ihrem Roman gearbeitet, der die Geschichte zweier Lübecker Familien von den 1860er Jahren bis in unsere zeit erzählt. Kunstvoll miteinander verschlungen werden die Familiengeschichten, in denen die Frauen die wichtigeren Personen sind. Sie alle haben die Gabe, den speziell für Lübeck zuständigen Teufel wahrnehmen zu können, eine verwegene Gestalt in Frack und Zylinder mit rotgeschminkten Lippen und bemalten Fingernägeln.

Wie Svealene Kutschke sich den Schicksalen der Familienmitglieder nähert, wie sie dabei lübsche und deutsche Geschichte erzählt, ist ausgesprochen aufwendig. Der Brennpunkt der Geschichte (und der Geschichten) ist ein Ganghaus in der Großen Gröpelgrube, in dem viele der Protagonisten wohnen, manche auch nur hausen.

 

LN-Bild

Für Lübecker ist der Roman schon allein aufgrund des Lokalkolorits lesenswert. Nicht-Lübecker, die schon immer den Verdacht hatten, dass in dieser alten Stadt der Teufel umgeht, werden sich in ihren Ahnungen bestätigt sehen. Erzählerisch ist dieses Buch eine etwas zweischneidige Angelegenheit. Immer wieder gelingen Svealena Kutschke hinreißende Schilderungen. Etwa, wenn es um den alten Wassergeist Roggenbuk geht, der die Trave auf der Suche nach Jungfrauen unsicher macht. Manchmal jedoch erliegt die Autorin der Versuchung, sich irgendwie doch in die Nähe der „Buddenbrooks“ zu begeben und der Sprache von Thomas Mann nachzueifern. Dadurch ist das Buch auch ein wenig zu umfangreich geworden.

Sieben Jahre lang hat Svealena Kutschke an „Stadt aus Rauch“ gearbeitet. „Ich wollte einen Roman schreiben, der Geschichte erzählt“, sagt sie über ihr Buch. „Es ist speziell die Geschichte des Antisemitismus, der ja schon lange vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten weit verbreitet war. Und es ist die Geschichte des Umgangs mit den blinden Flecken der Geschichte.“ Alles wird in Familien weitergegeben, auch das, was nicht erzählt wird, sagt sie zu diesem Thema. „Die Männer kamen aus den Kriegen zurück und erzählten nichts, die Frauen mussten lernen, mit diesen Leerstellen umzugehen.“ Diesen Anspruch an sich selbst hat Svealena Kutschke mit ihrem Roman durchaus erfüllt. Und ihre Heimatstadt Lübeck macht in „Stadt aus Rauch“ nicht die beste Figur.

Aus Lübeck in die Hauptstadt

Svealena Kutschke wurde 1977 in Lübeck geboren. Sie besuchte zunächst das Katharineum und wechselte später zum Johanneum, wo sie auch ihr Abitur machte. In Hildesheim studierte sie anschließend Kulturwissenschaften, seit elf Jahren lebt die Autorin in Berlin. 2008 erhielt sie den Preis „Open Mike“ der Berliner Literaturwerkstatt, 2009 erschien ihr Debütroman „Etwas Kleines gut versiegeln“.

„Stadt aus Rauch“ ist ihr zweiter Roman.

„Stadt aus Rauch“ von Svealena Kutschke, Eichborn, 668 S., 24 Euro.

 Jürgen Feldhoff

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