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Lübecker Puppenkisten

Lübeck Lübecker Puppenkisten

Die fabelhaften Figuren des ehemaligen Hamburger Figurentheaters Rhabarber sind in das Theaterfigurenmuseum eingezogen — Am Sonntag wird der Neuzugang offiziell begrüßt.

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„Wir sind sehr dankbar für diese Schenkung, denn das Handpuppenspiel für Erwachsene nach 1945 ist ein neuer Aspekt unserer Sammlung“, freut sich Museumsleiterin Dr. Antonia Napp.

Quelle: Ulf Kersten-Neelsen

Lübeck. Karl und Albert fangen Flugzeuge. Mit einem Mini-Flieger locken sie die Flugzeuge an, erlegen sie mit der Fliegenklatsche und kochen aus ihrem Innenleben Suppe. Als sie ein Militärflugzeug erlegen und die Munition als Leckerbissen in den Topf schmeißen, hat das fatale Folgen: Krach, Bumm, Pott kaputt. Und Ende.

Karl und Albert waren die ersten Figuren, die der Hamburger Künstler Franz Winzentsen 1970 erschuf — und damit die Urväter des Altonaer Figuren- und Maskentheaters Rhabarber. Bis zu seiner Schließung 1983 feierte das Theater große Erfolge. Danach fristeten die skurrilen Figuren ihr Dasein auf einem Dachboden, bis sie im vergangenen Jahr für eine Ausstellung in Reinbek aus über 30-jähriger Dunkelhaft befreit wurden. Nun haben sie neuen Familienanschluss gefunden: im Theaterfigurenmuseum Lübeck.

Schenkung der Familie Sajuntz an das Figurentheater am Kolk: Holger Sajuntz vom Figurentheater Rhabarber

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„Wir sind sehr dankbar für diese Schenkung, denn das Handpuppenspiel für Erwachsene nach 1945 ist ein neuer Aspekt unserer Sammlung“, freut sich Museumsleiterin Antonia Napp. In 27 Holzkisten hat Rhabarber-Mitglied Holger Sajuntz die Figuren samt Requisiten in Szene gesetzt, und sie dokumentieren nun gleich im Eingangsbereich die fabelhafte Welt einer bemerkenswerten Laienspielgruppe in einer besonderen Zeit.

„Es ist schwierig, den allgemeinen Sinn unserer Stücke zu beschreiben“, räumt Holger Sajuntz (75) ein, der hauptberuflich eine Offsetdruckerei leitete. Zusammen mit seiner Frau Sigrid, dem Animationsfilmer und Objektkünstler Franz Winzentsen und dem Lehrer Bernd Hof erarbeitete er alle Stücke. „Zuerst waren immer die Figuren da, die Franz geschaffen hat.“ Abgesehen vom „großen Glau“, einer lebensgroßen röhrennasigen Figur, sind die Handpuppen kleine eigenwillige Persönlichkeiten mit Namen wie Grau, Gleezer, Krill, Tupfen oder Schrepper. „Die Fantasiewesen leben zwar in ihrer eigenen Welt mit spezieller Sprache, haben jedoch Zugang zur normalen Alltagswelt“, erklärt Sajuntz. Dafür sorgten Requisiten wie Blechdosen, Schrubber, Fahrrad, Schuhe, Besteck, Wecker. „Auch wenn die Zuschauer ihre Welt nicht verstehen konnten, so konnten sie die Gefühle wie Freude, Traurigkeit, Erschrecken nachvollziehen.“

Die frühere Rhabarber-Gruppe bestand als Freundeskreis bereits seit 1960. Sie improvisierten, musizierten, inszenierten Hörspiele und Marionettenstücke, bis sie sich 1970 in das Handpuppenspiel verliebten. „Man konnte direkter mit den Puppen agieren“, sagt Sajuntz. Gleich mit ihrem ersten Stück über die Flugzeugfänger Karl und Albert gewannen sie 1972 den ersten Preis beim Bochumer Puppenspielwettbewerb. 1973 eröffneten sie in einem alten Speicher in Altona ihr eigenes Theater mit 60 Plätzen und einer transportablen Bühne. Zehn Jahre lang erarbeiteten die Freunde jährlich ein neues Stück, und beim gemeinsamen Essen und Rotwein gaben sie ihrem Affen so richtig Zucker. Aus Schuhen quoll Watte, aus Obsttüten wurden Figuren, mit Gurkenscheiben wurde an Fensterscheiben gespielt, der große Glau drehte eine brennende Kerze durch einen Fleischwolf, Herzauge und Schrubber unterhielten sich mit einem jugoslawischen einsaitigen Musikinstrument und einem Dosendeckel, und König Ofenrohr kämpfte gegen Porzellanmöpse. Da wurde gestochen, geschlagen, geschossen, bis alle mucksmäuschentot waren. Willkommen in den wilden 1970er Jahren, als Political Correctness noch so fremd war wie Rauchverbot oder Innen-Endungen.

Warum war der Spaß 1983 zu Ende? „Wir hatten alle Familie und waren beruflich stark eingebunden“, sagt Sigrid Sajuntz. Um so schöner sei es, dass die Figuren nun weiterleben — und ein bisschen von ihrem subversiven Dasein an die Besucher weitergeben.

Petra Haase

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