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Kultur im Norden „Lügenbräute Christi“ im weltlichen Alltag
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19:12 27.06.2017
Hamburg

Wenig geht in diesem Jubiläumsjahr der Reformation ohne Reformator Martin Luther und seine Zeit. Auch Petra Oelker, erfolgreiche Autorin von rund 25 meist historischen Romanen, wandelt in ihrem neuesten Werk „Zwei Schwestern“ auf Luthers Spuren – aber sie wäre natürlich nicht die, die sie durch ihre meist mit leichtem Ton verfassten historischen Krimis um die Komödiantin Rosina und den „freigeistigen“ Hamburger Kaufmann Claes Herrmanns seit „Tod am Zollhaus“ (1997) wäre, die im Hamburg des 18. Jahrhunderts verzwickte Kriminalfälle lösen, wenn nicht zwei höchst unterschiedliche Frauenzimmer in den Mittelpunkt ihres diesmal schmal ausgefallenen neuen Werkes geraten wären (175 Seiten).

Dafür ist Petra Oelker diesmal zwei Jahrhunderte weiter zurück in Hamburgs Geschichte gegangen, als Luther-Spezi Johannes Bugenhagen dort die Reformation festgezurrt hatte. Es blieb dabei relativ friedlich, bis auf die Zerschlagung des einzigen Hamburger Frauenklosters, in dem Zisterzienserinnen wohnten, Nonnen also, die Bugenhagen laut Oelker als „Lügenbräute Christi“ abkanzelte: Es sei nicht Aufgabe der Frauen, hinter Mauern zu beten, sondern der Familie zu dienen, lautete das patriarchal-reformatorische Motto.

Immerhin überleben die Frauen das Ende ihres Klosters und werden aus dem abgeschotteten Leben in einen weltlichen Alltag gestoßen. Ex-Nonne Reimare Hogenstraat müsste, wollte sie ihrer Familie dienen, erst einmal eine solche haben – dafür sorgen will ihre viel ältere Schwester Anna Bünnfeld, die aber als wohlhabende Witwe selbst nach ihrem Platz in der geistlich neu sortierten Welt sucht.

Der Fall, den es in diesem historischen Roman zu lösen gilt, ist ein gänzlich anderer als sonst in Oelkers Historien-Krimis: Es geht um Neuorientierung in sich stürmisch wandelnden Zeiten, die Abkehr von vertrauter Lebens- und Denkweise, was den Stoff unmittelbar gegenwartsaffin werden lässt – und da Petra Oelker stets bemüht ist, so zu schreiben, dass es inhaltlich stimmt, kann der Leser auch dieses Mal getrost darauf vertrauen, dass die Autorin knietief in Dokumenten und Aufzeichnungen aller Art durch Staats- und andere Archive gewatet ist, um so faktennah wie nur möglich zu bleiben.

Allerdings wird viel räsonniert, erwogen und bedacht – „Action“ wie in anderen Oelker-Werken, ist bei den „Zwei Schwestern“ rar. Trotzdem ist diese „Geschichte aus unruhiger Zeit“, kunstvoll illustriert von Andrea Offermann, eine mit ruhiger Hand und lesenswert verfasste Geschichtslektion über eine Zeit, die den Weg bereitete für blutige und stürmische Entwicklungen, von Religionskriegen wie dem Dreißigjährigen bis hin zur Hugenotten-Migration aus Frankreich und aufklärerischen Impulsen, deren Früchte heute wieder von manchen in Frage gestellt werden.

„Zwei Schwestern“ von Petra Oelker, Rowohlt Verlag, 175 Seiten, 12 Euro

Michael Wittler

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