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Mach Dich hübsch!

Berlin Mach Dich hübsch!

Im Martin-Gropius-Bau in Berlin sind mehr als 150 Arbeiten aus dem oft skurril-verspielten Werk der gebürtigen Oldesloerin Isa Genzken zu sehen.

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. . . Kuratorin Beatrix Ruf, Leiterin des Stedelijk Museums.

Berlin. /Bad Oldesloe. Isa Genzken lässt sich in keine Schublade stecken. Immer wieder erkundet die Künstlerin neues Terrain. In Berlin gibt's jetzt einen Überblick über das Werk der 1948 in Bad Oldesloe geborenen Künstlerin.

Nofretete mit Sonnenbrille, Radkappen im Rollstuhl, ein Gartenzwerg auf dem Hochhaus — Isa Genzken hat in den vergangenen 40 Jahren ein buntes, rätselhaftes und sehr vielfältiges Werk geschaffen. Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt die Arbeit der außergewöhnlichen Künstlerin jetzt in einer umfassenden Gesamtschau — von den frühen fragilen Holzskulpturen der 70er Jahre bis zu den komplexen politischen Installationen der Jetzt-Zeit.

„Egal, mit welchem Material sie umgeht, egal mit welcher Unkonventionalität sie arbeitet — Schönheit ist fast unausweichlich“, sagte die Kuratorin und Direktorin des Stedelijk Museums Amsterdam, Beatrix Ruf, zur Ausstellungseröffnung. Für sie ist Isa Genzken „eine der einflussreichsten und radikalsten Künstlerinnen der Gegenwart“.

Das Schöne: Die Ausstellung selbst ist eine riesige Collage. Es geht nicht chronologisch durch Genzkens Leben, wie es die aufsehenerregende Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art (Moma) im Jahr 2013 tat. Stattdessen sind Themen gebündelt und in einen Dialog miteinander gebracht. „Die Zuschauer sollen selbst auch an die Arbeit gehen und ihre eigenen Assoziationen und Verbindungen schaffen“, sagt der niederländische Kurator Martijn van Nieuwenhuyzen, der zusammen mit Beatrix Ruf für das Konzept verantwortlich zeichnet.

Da stehen etwa im Raum „Kommunikation“ die Fensterteile eines Flugzeugs den berühmten „Weltempfängern“ aus Beton gegenüber. In einem anderen hängt eine ganze Wand voller bemalter „Jacken und Hemden“, davor steht eine Vitrine mit einem schrumpeligen Betonklumpen, aus dem wie eine Antenne ein Stück Draht ragt — „Mein Gehirn“ aus dem Jahr 1984.

Das Motto der Ausstellung „Mach Dich hübsch!“ entstammt Genzkens Collagen-Buch über Berlin, das jetzt erstmals auch als Faksimile erhältlich ist. Und so zieht sich das Thema Schönheit und ihre radikale Infragestellung wie ein roter Faden durch die Räume. In einer ihrer jüngsten Arbeiten „4 Türen und 3 Säulen“ zeigt Genzken ein Foto von sich als eine Art Totenmaske, in der Serie „Schauspieler“ leiht sie skurril verkleideten Schaufensterpuppen ihre eigenen Klamotten.

„Ich verknüpfe gern Dinge, die vorher zusammenhangslos dastanden“, sagte sie einmal. „Diese Verbindung ist wie ein Händedruck unter Menschen.“ An der Pressekonferenz nahm die öffentlichkeitsscheue und gesundheitlich angeschlagene 67-jährige Künstlerin nicht teil. Das sei „nicht so ihr Ding“, meinte Kuratorin Ruf.

Genzken, die früher mit ihrem Künstlerkollegen Gerhard Richter verheiratet war, lebt seit 1996 in Berlin. Dennoch ist es die erste umfassende Schau in ihrer Wahlheimat — nach mehreren Auftritten bei der Biennale in Venedig und der Documenta sowie der großen Moma-Schau. Genzken gilt als eine der einflussreichsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Sie war zweimal bei der Biennale in Venedig und dreimal bei der Documenta vertreten. Gereon Sievernich, Direktor des Gropius-Baus, meinte deshalb: „Es war höchste Zeit, dass wir in Berlin Isa Genzken auf die Bühne bringen.“

Ausstellung im Martin-Gropius-Bau: Bis zum 26. Juni 2016. Öffnungszeiten: Mi bis Mo 10-19, Di geschlossen. Eintritt: 11 Euro, ermäßigt 7 Euro. Zur Ausstellung erscheint erstmals das gleichnamige Berliner Künstlerbuch als Faksimile: Isa Genzken, Mach Dich hübsch! Buchhandlung Walther König. Berlin 2016. 49,80 Euro.

DREI FRAGEN AN...

1 Wie würden Sie Isa Genzken vorstellen? Isa Genzken ist eine der wichtigsten und radikalsten Künstlerinnen der Gegenwart. Sie hat 40 Jahre lang permanent die Kunst inspiriert und ein Werk vorgelegt, das in seiner Radikalität und Angstfreiheit einzigartig ist. Gleichzeitig ist es ihr fast unmöglich, keine Schönheit herzustellen. Sie hat eine zutiefst verwurzelte Fähigkeit zur Komposition — selbst mit den schäbigsten Dingen.

2Was meinen Sie mit Angstfreiheit? Isa Genzken lässt sich nicht limitieren in dem Sinn, dass sie den Gesetzen der Wiedererkennbarkeit folgt. Seit den 70er Jahren hat sie ihre Materialien und ihre Formensprache immer wieder an die Aktualität angepasst. Sie sagt selbst, sie will keine Angst haben, dass Dinge auch schiefgehen. Insofern ist es auch ein philosophisches Werk, weil sie Scheitern als Chance zur Veränderung sieht.

3Manche finden es nah am Kitsch! Das perlt an diesem Werk ab. Kitsch beschreibt ja immer ein Verlangen, Insignien von gesellschaftlicher Bedeutung in Besitz zu nehmen — wie die Rokokofigürchen auf dem Kaminsims. Das gibt es in diesem Werk nirgends. Kitsch ist vollkommen irrelevant in dieser Diskussion, weil es auch ein zutiefst anarchistisches Werk ist, das gesellschaftliche und hierarchische Definitionen ständig hinterfragt. Es ist das genaue Gegenteil von Kitsch.

Von Nada Weigelt

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