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Männer sind nur Staffage

Berlin Männer sind nur Staffage

„World without Men“: Eine Ausstellung mit Helmut-Newton-Klassikern in Berlin.

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Hübsche Jungs, gelangweilte Frau: „Sonnenbad“, Foto von Helmut Newton für die Modezeitschrift „Vogue“, aufgenommen in Monte Carlo 1980.

Quelle: Newton-Stiftung

Berlin. Ein Doppeldecker schwebt über einer jungen Frau im modischen Outfit der Sixties. Sie nimmt Reißaus und läuft direkt auf den Betrachter zu. Mit der 1967 für die British Vogue fotografierten Szene spielte der deutsch- amerikanische Fotograf Helmut Newton (1920-2004) auf eine Szene aus Alfred Hitchcocks Film „Der unsichtbare Dritte“ von 1959 an. Newton nutzte das Kino häufig als Inspirationsquelle für Modefotografien. Im Berliner Newton-Museum sind jetzt die Bilder ausgestellt, die der Fotograf 1984 in seinem vierten Fotobuch unter dem Titel „World without Men“

zusammenstellte.

Gleich mehrfach tauchen in der Serie Konstellationen nach dem Muster der Ménage à trois aus François Truffauts „Jules et Jim“ (1962) auf: Zwei Männer begleiten eine selbstbewusst auftretende Frau.

Auch Anspielungen auf Stanley Kubrick und Peter Greenaway lassen sich entdecken. Der Titel „World without Men“ war ironisch gemeint, denn zwischen 1960 und 1990 liefen in Paris, Saint-Tropez, Los Angeles, Berlin und London jede Menge junger Männer vor Newtons Kamera herum, allerdings in wenig heldenhaften Rollen.

Man sieht Stutzer am Swimmingpool, Lustknaben und Primadonnen-Bewunderer wie aus italienischen Filmen. Alle Männer spielten Nebenrollen, außer freilich demjenigen, der hinter der Kamera stand. Der Newtonsche Frauentyp, so dominant und unnahbar er auch wirken mag, braucht die Männer, braucht Bewunderer. Erst durch diese können sich die Frauen — nackt oder angezogen — voll in Szene setzen und produzieren.

Newtons Bilder von Amazonenfrauen entfalteten Anfang der 1980er Jahre eine ungeheure Wirkung. Verwegenheit umwehte die großformatigen Schwarzweiß-Akte. Die Amazonen-Lady mit muskelbepackter männlicher Staffage ist freilich ein nicht endlos ausreizbares Schema. Einfallsreicher war Newton beim Kulissenwechsel: Models werden bei ihm nicht nur von Doppeldeckern verfolgt, sondern hängen wie Bond- Girls an Hubschraubern oder posieren im Haute-Couture-Dress von Jean Paul Gaultier vor schmutzigen Baggern.

„Verführen, amüsieren und unterhalten“, so benannte Helmut Newton einmal seine wichtigsten Aufgaben als Fotograf. Ob seine Werke Hommagen an die Weiblichkeit sind, kann man bezweifeln, wenn man Newton-Aussagen wie diese hört: „Ich entdeckte letztes Jahr ein wundervolles Model. Aber in den Fotos ging es mehr um Autos.“

Ergänzt wird die Berliner Schau mit Aufnahmen aus den „Archives de Nuit“. Hier ist ein anderer Newton zu erleben, ein Fotograf der makabre Objekte beleuchtet, zum Beispiel anatomische Wachspuppen im Wiener Josephinum und Missbildungen in Vitrinen des „Narrenturms“.

Helmut Newton Stiftung, Jebensstraße 2, Berlin, bis 19. Mai 2013; das im Taschen-Verlag erschienene Buch kostet 39,99 Euro

Johanna Di Blasi

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