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Man muss Geschichte verstehen, sagt Bernd-Dieter Thurau

Lübeck Man muss Geschichte verstehen, sagt Bernd-Dieter Thurau

Mich fasziniert der Werdegang der Menschheit. Wir könnten nicht begreifen, was und wie wir heute sind, wenn wir von Geschichte nichts wüssten.

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Bernd-Dieter Thurau (65) hat sein Steckenpferd zum Beruf gemacht: Der Lehrer für Geschichte und Deutsch ist seit mehr als 30 Jahren Stadtführer in Lübeck. 1998 hat er das Unterrichten in der Schule aufgegeben, um Historie anschaulich zu vermitteln.

Quelle: Ley

Lübeck. M ich fasziniert der Werdegang der Menschheit. Wir könnten nicht begreifen, was und wie wir heute sind, wenn wir von Geschichte nichts wüssten. Und Lübeck eignet sich wirklich hervorragend, Geschichte zu erklären, weil man alles unmittelbar vor Augen hat. So beeindruckt auch heute noch die Größe und vertikale Dimension des Kirchenraums von St.

Marien in seiner Symbolkraft: Dieser Kirchenraum ist nicht einfach groß, er gibt eine Ahnung des Himmels und weist über die bloße irdische Existenz des Menschen hinaus. Im Kontrast dazu stehen die vielen kleinen Geschichten, die sich um die Marienkiche ranken wie die des steinalten Männchens, das oben an der Briefkapelle kauert: Das war der Sage nach ein Lübecker Kaufmann, der dem Tod immer wieder die Tür gewiesen hatte. Als er endlich sterben wollte, kam der Tod nicht mehr. Der Kaufmann suchte ihn in der Marienkirche. Er kletterte über eine Leiter bis unters Dach und wartete dort so lange, bis er geschrumpft und versteinert war.

Enorm begeistern kann ich mich für sakrale Kunst . Was das St. Annen-Museum und die Lübecker Kirchen da zu bieten haben, ist mehr als Weltklasse. Ein schönes Beispiel für die Kraft des Bildes ist der Allerheiligenaltar in der Querhalle des Heiligen-Geist-Hospitals, der in den 1480er Jahren in Lübeck geschaffen wurde – und den man lesen kann wie ein Bilderbuch. Die Heiligen des Altarbildes haben eine Vorbildfunktion, sie sollen uns ermutigen. Links unten ist zum Beispiel die Heilige Margarete dargestellt; an einer Kette hält sie zu ihren Füßen das Böse. Die Kette zeigt: Sie hat es im Griff. Jeder hat solche dunklen Impulse in sich, wir dürfen sie haben, das ist nur menschlich, aber wir dürfen ihnen nicht nachgeben – das finde ich als Aussage ultramodern!

Dazu passt der Essay „Du musst dein Leben ändern“ von Peter Sloterdijk. Der Philosoph beschreibt darin das Leben als unendliches Übungsfeld. Wir dürfen als Menschen nicht ermatten, unser humanes Potenzial zu entwickeln, fordert Sloterdijk: nicht allein durch rationale Erkenntnis, sondern durch permanentes Einüben.

Ein besonderer Wissens-Schatz ist für mich „Die Kulturgeschichte der Neuzeit“ von Egon Friedell (1878-1938), der in wunderbarer Bildsprache die Kultur und Alltagskultur des Mittelalters aus unterschiedlichen Blickwinkeln beschreibt. Immer wieder lesenswert!

LN

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