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Mauern, die von Geschichte und Gegenwart erzählen

Kiel Mauern, die von Geschichte und Gegenwart erzählen

Kann man 1000 Jahre Architekturgeschichte von ganz Schleswig-Holstein in einem einzigen Band von 400 Seiten zusammenfassen?

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Dieter-J. Mehlhorn vor dem Ensemble der Kieler Vicelinkirche, die drei Bauphasen aus einem halben Jahrhundert aufweist.

Quelle: Fotos: Jens Rönnau

Kiel. Kann man 1000 Jahre Architekturgeschichte von ganz Schleswig-Holstein in einem einzigen Band von 400 Seiten zusammenfassen? Sicher nicht — aber einen individuellen Überblick verschaffen kann man sich schon. Damit hatte der Wachholtz-Verlag jetzt den Stadtplaner und Architekturprofessor Dieter-J. Mehlhorn beauftragt. Herausgekommen ist ein opulenter Führer zur Entwicklung der Architektur im Lande, ein fachkundiger Blick auf Hunderte Bauwerke vom Mittelalter bis heute.

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Kann man 1000 Jahre Architekturgeschichte von ganz Schleswig-Holstein in einem einzigen Band von 400 Seiten zusammenfassen?

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„Die in zahlreichen Architekturführern gezogene Grenze zwischen historischer und moderner Architektur gibt es nicht wirklich“, stellt Mehlhorn kategorisch fest. Und er führt aus: Bauwerke sind langlebige Produkte, sie werden deshalb oft mehrfach weiter entwickelt und müssen immer auch im Kontext ihrer über Jahrhunderte gebauten Umgebung betrachtet werden.

In diesem Sinne zählt Mehlhorn einen Kirchenkomplex in Kiel zu seinen Favoriten: die Vicelinkirche an der Harmsstraße. Diese 1914 bis 1916 von dem Kieler Architekten Johann Theede geplante Kirche samt ihrem herrenhausartigen Gemeindebau war im sogenannten Heimatschutz-Stil errichtet worden. Das heißt, beim Bau wurden ortsübliche Baumaterialien verwendet. Da die Kirche im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört worden war, errichtete man an ihrer Stelle in den 1940er Jahren aus Trümmern und schlichten Balkenkonstruktionen eine Notkirche nach Plänen des Schweizer Architekten Otto Bartning, von denen damals insgesamt 48 in ganz Deutschland gebaut wurden.

15 Jahre später folgte nach Plänen von Wilhelm Neveling ein Anbau samt einem skelettartigen Turm aus Sichtbeton, der bis heute als Mahnmal gen Himmel ragt. Durch die unterschiedlichen Stile kann man an dem Ensemble die Architekturentwicklung eines halben Jahrhunderts ablesen.

Es gibt berühmte Beispiele ähnlicher Art: In Lübeck wurde dem mittelalterlichen St. Annen-Kloster 2004 ein moderner Museumsbau eingeschrieben — die Kunsthalle. Beide Baustile wurden von den Architekten Konermann, Pawlik und Siegmund so miteinander verwoben, dass sich jede Epoche behaupten kann. Ähnliches ist in Alkersum auf Föhr dem Architektenpaar Sunder-Plassmann gelungen: Dort glänzt neben einem historischen Friesenhaus eine Spiegelwand des 21. Jahrhunderts.

Streng alphabetisch arbeitet sich der Autor durch das Land, von Ahrensbök bis Wöhrden. Knapp 600 Objekte werden samt ihren wichtigsten technischen und historischen Daten vorgestellt — ein Bruchteil der Architektur des Landes, der vor allem die größeren Städte berücksichtigt.

Gelegentlich gerät das sicher zu knapp, auch sind längst nicht alle Kirchen und Herrenhäuser im Lande erfasst, dafür widmet sich Dieter-J. Mehlhorn beispielsweise der Waldemarsmauer bei Schleswig aus dem 12. Jahrhundert, den Pfahlbauten von Sankt Peter Ording, dem Flandernbunker in Kiel und dem mit Ziegelsteinen getarnten Hochbunker an der Lübecker Untertrave, dem Kuhstall von Gut Garkau in Scharbeutz bis hin zum kritischen Blick auf das Outlet-Center in Neumünster oder den Wikingturm in Schleswig. Mehlhorn möchte Denkanstöße geben. Und dass er in Lübeck das Hansemuseum vor dem Komplex des mittelalterlichen Burgklosters groß herausstellt, ist sicher mehr als nur stadtplanerisch gedachte Ehrensache. Er will auch neuere Baukultur als stilbildend feiern.

Besonders hat er sich den Dorfkirchen im Lande gewidmet, etwa in Munkbrarup oder Sörup, wo es bedeutende romanische Portale gibt. Seinen fachlich versierten Kurzbeiträgen hat er einen analysierenden Text zu den Besonderheiten und Zusammenhängen der Architektur des nördlichsten Bundeslandes vorangestellt. Hier erläutert er etwa, warum sich die filigrane Gotik des Südens im windgepeitschten Norden nicht entfalten konnte; oder warum das Material einer Region stets auch deren Architektur bestimmt — im felsarmen Schleswig-Holstein also der zum Backstein gebrannte Lehm. Schließlich gibt es Hinweise auf archäologische Orte und die Einflüsse Hollands, Dänemarks und Preußens auf die hiesige Architektur, in der selbst auch die französische Gotik Spuren hinterlassen hat.

„Architektur in Schleswig-Holstein — Vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ von Dieter-J. Mehlhorn. Wachholtz-Verlag, 400 Seiten 39,90 Euro

Der Experte

Professor Dr.-Ing. Dieter-J. Mehlhorn, geboren 1942, war viele Jahre als Stadtplaner mit dem Schwerpunkt Stadterneuerung tätig und lehrte an den Fachhochschulen in Bremen, Kiel und Lübeck. Seit 2007 arbeitet er am Fernstudiengang „Historische Stadt“ am Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck mit. Er verfasste zahlreiche architekturgeschichtliche Bücher, zuletzt „Klöster in Schleswig-Holstein“ (Boyens Medien, 2006), den „Architekturführer Kiel“ (Reimer- Verlag, 1997/2010) und eine „Stadtbaugeschichte Deutschlands“ (Reimer-Verlag, 2012).

Von Jens Rönnau

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