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„Meine Heimat bin ich selbst“

Lübeck „Meine Heimat bin ich selbst“

Seit 26 Jahren ist Miroslav Nemec Kommissar Ivo Batic im „Tatort“. Jetzt kommt er als Vorleser eines bosnischen Romans in den Norden.

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Der Bosnier Miljenko Jergovic (51) schreibt in kroatischer Sprache.

Lübeck. D er Literatursommer hat Miroslav Nemec in den Norden gelockt. Er kommt mit dem Schriftsteller Miljenko Jergovic und liest aus dessen Roman „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ (siehe rechts). Vorab aber gibt er Auskunft über Heimat, Sprache und – natürlich – seine Beziehung zu Ivo Batic.

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Seit 26 Jahren ist Miroslav Nemec Kommissar Ivo Batic im „Tatort“. Jetzt kommt er als Vorleser eines bosnischen Romans in den Norden.

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Man kennt Sie als langjährigen Münchner „Tatort“-Kommissar Ivo Batic. Nach Lütjenburg, Kiel und Eutin kommen Sie aber als Vorleser mit Miljenko Jergovic. Haben Sie seinen monumentalen Roman „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ schon durchgearbeitet?

Miroslav Nemec: Fast, 1144 Seiten schaffe ich nicht so schnell. Bis gestern habe ich gedreht, und jetzt komme ich mehr zum Lesen. Ein paar Dinge muss ich den Autor auch noch fragen, bevor wir auf die Bühne gehen – vor allem was die Aussprache angeht . . .

Mit der haben Sie aber als gebürtiger Kroate doch keine Schwierigkeiten?

Ich spreche mit meiner fünfjährigen Tochter Kroatisch; und ich bin ja auch oft dort unten. Das heißt, ich spreche die Sprache – aber bestimmte Feinheiten muss ich auch nachprüfen.

Sie kennen Miljenko Jergovic schon von früheren Lesungen. Was mögen Sie an seinen Büchern?

Ich habe ihn von Anfang an in Deutschland gelesen. „Buick Rivera“, „Freelander“. „Das Walnusshaus“ ist Weltliteratur; das hat etwas von „100 Jahre Einsamkeit“, in seiner leicht entrückten Poesie und dem Witz. Jergovic hat diesen bosnischen Humor, den ich sehr liebe. Mein Nachbar in Zagreb ist Bosnier, der immer freche Witze erzählt. Und auch Jergovic ist einer, der ironisch und zynisch kritisch mit seinem Land umgeht – und dafür nicht immer gemocht wird.

Was zeichnet den bosnischen Humor aus?

Es ist ein Humor, der sich selbst auf die Schippe nimmt. Er ist dem jüdischen Humor ähnlich: hintersinnig, pointiert und ein bisschen um die Ecke gedacht.

Der Roman erzählt die Vielvölkergeschichte von Jergovics Familie. Ist das auch für Sie eine typisch jugoslawische Geschichte?

Für mich persönlich schon. In dem Zagreber Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, waren Serben, Bosnier, Mazedonier zu Hause. Meine Familie mütterlicherseits kommt von der Insel Krk. Auf Vaters Seite wiederum gibt es tschechische Wurzeln. Familiäre Verbindungen gab es auch nach Wiener Neustadt. Meine Oma hat Italienisch, Deutsch und Kroatisch gesprochen. Ich kann also gut verstehen, dass man irgendwo hinkommt, wo man noch nicht ganz hingehört – und da, wo man her ist, auch nicht mehr hingehört. Ich hatte die Wahl zwischen Jugo und Bayern – das war ja schon mal was.

Gibt es von da Verbindungen zu Kommissar Batic, den Sie mittlerweile seit 1991 spielen?

Ja klar, der wurde ja damals so erfunden von der Redakteurin. Das war noch zu Jugoslawien-Zeiten, und ich habe einen dalmatinischen Namen bekommen. Der Kollege dazu sollte eben Münchner sein, das war eine frühe Variante von Multikulti.

Hat es Ihnen gefallen damals, als Jugoslawe im Fernsehen den Jugoslawen Batic zu spielen?

Das war sehr innovativ damals, ein deutscher Kommissar mit fremden Wurzeln. Und das tat auch meinen Landsleuten gut – oder überhaupt allen, die von anderswo herkamen. Dass so einer im Fernsehen als Polizist auftaucht. Heute ist das ja normal, dass die Kommissare einen Migrationshintergrund haben, das gab es damals noch nicht.

Wird man zwangsläufig vom „Tatort“-Kommissar zum Krimi-Autor?

Eine gewisse Zwangsläufigkeit könnte man da vermuten. In meinem ersten Buch, „Die Toten von der Falkneralm“, bin ich als Miroslav Nemec die Hauptfigur.

Und ich nehme mich ein wenig selbst auf die Schippe. Im neuen Buch zieht es mich nach Kroatien, das Land meiner Kindheit und Jugend.

Und wo genau ist Ihre Heimat?

Ich lebe in München und fühle mich in Bayern wohl. In Zagreb bin ich nach dem Tod der Eltern seltener. Stattdessen kommt die Restfamilie eher zu mir nach München zum Oktoberfest oder wir treffen uns in Istrien am Meer. Aber meine Heimat bin ich selbst. Und wo ich hingehe, bin ich mit meiner Heimat unterwegs.

Interview: Ruth Bender

Drei Mal im Norden

Schauspieler Miroslav Nemec, 1954 in Zagreb geboren, tourt gemeinsam mit dem bosnischen Schriftsteller Miljenko Jergovic, 1966 in Sarajevo geboren, durch Schleswig-Holstein. Die Lesungen finden im Rahmen des Literatursommers statt, dessen Schwerpunkt Literatur aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien darstellt.

„Die unerhörte Geschichte meiner Familie" von Miljenko Jergovic (Verlag Schöffling, 1144 Seiten, 24 Euro) gilt als epochales bosnisches Werk. Jergovic begibt sich auf Suche nach den Spuren seiner aus den unterschiedlichsten Kulturen zusammengewürfelten Familie.

Termine: So., 13. August 19 Uhr, ev. Gemeindehaus Lütjenburg; Mo., 14. August, 20 Uhr, Kunsthalle Kiel; Di., 15. August, 20 Uhr, Kino Binchen Eutin

LN

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