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„Meine Tour war nicht sinnlos, aber sie war sinnfrei“

Lübeck „Meine Tour war nicht sinnlos, aber sie war sinnfrei“

Ludger Bücker hat eine Waschmaschine durch Deutschland geschoben, er ist dabei mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen. Nun erscheint sein Buch darüber. Wir haben ein Interview mit ihm geführt.

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Ludger Bücker mit seiner Waschmaschine.

Lübeck. LN: Herr Bücker, Sie sind mit einer Waschmaschine durch Deutschland gelaufen...

Ludger Bücker: Ja, nun schon zweimal. Das erste Mal vom Bodensee am Rhein entlang bis nach Wesel, dann die Lippe hoch bis zu meinem Heimatdorf. Die zweite Tour führte mich an Nord- und Ostsee: von Emden bis Sylt und dann von Dänemark bis zur polnischen Grenze.

LN: In Ihrem Buch berichten Sie nur von der ersten Reise.

Bücker: Genau. Meine Freundin hatte mich angestiftet, das alles doch mal aufzuschreiben. Bei der Reise habe ich Tagebuch geführt und später ist dann das Buch daraus entstanden.

LN: Soll es über die anderen Reisen auch Bücher geben?

Bücker:   Das überlege ich noch. Wahrscheinlich werde ich es versuchen, mal sehen, ob es klappt. Die erste Reise war schon spektakulär, gerade auch von den Bekanntschaften, die ich da machen konnte. Bei der zweiten Reise war das nicht so, an der Ostseeküste war ich oft stundenlang unterwegs, ohne jemanden zu treffen. Aber ich werde auch versuchen, darüber etwas zu Papier zu bringen.

LN: Generalfrage: Warum sind Sie mit einer Waschmaschine losgezogen?

Bücker: Zuerst hatte ich mir überlegt, mit dem Fahrrad loszuziehen. Aber einerseits hatte ich Probleme mit dem Knie, andererseits war mir das auch zu schnell. Wenn du mit dem Fahrrad fährst, winkst du den anderen höchstens mal zu, mehr passiert nicht. Mit einer Waschmaschine ist man natürlich langsamer unterwegs. Und da öffnen sich viele Gelegenheiten für Gespräche.

LN: Sie schildern sehr viele Begegnungen. Die Waschmaschine, die von Ihnen auf den Namen Mikaela getauft wurde, schien dabei so eine Art Türöffner zu sein.

Bücker:   Ja, sie war ein Eisbrecher. Das Witzige aber war, dass sich die Gespräche nur ein paar Minuten um die Maschine drehten, dann ging es immer um etwas Anderes. Die Leute haben mir von ihrem Leben und von ihren Problemen erzählt.

LN: Da haben Sie auch einige traurige Geschichten gehört.

Bücker:  Natürlich. Es waren nicht nur witzige Geschichten. Wie das Leben so ist. Ich habe von Eheproblemen und Scheidungen gehört, von Todesfällen und Krankheiten. Einmal bin ich mit einem Mann ins Gespräch gekommen, dem der Arzt kurz zuvor eröffnet hatte, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Das war schon heftig. Und es war beeindruckend, wie redebedürftig die Menschen sind. Mich hat das immer sehr nachdenklich gemacht, dass so ein Wildfremder wie ich der Adressat so vieler Geschichten war.

LN: Wenn Sie mit einem Staubsauger unterwegs gewesen wären, hätte das wahrscheinlich nicht so gut funktioniert.

Bücker: Das liegt auch daran, dass so eine Waschmaschine einigermaßen imposant ist. Die meisten haben so ein Ding zuhause herumstehen und wissen, wie schwer das ist. So eine Maschine 1200 Kilometer mit der Sackkarre vor sich herzuschieben, ist wohl ziemlich beeindruckend. Daher hat mir Mikaela viele Gesprächsmöglichkeiten eröffnet.

LN: Haben Sie unterwegs öfter mal über die Sinnhaftigkeit der Angelegenheit nachgedacht?

Bücker: Wenn man über Stunden am Tag unterwegs ist, fragt man sich schon, was man da eigentlich macht. Aber je mehr man den Sinn sucht, umso einfacher wird die Antwort: Es war einfach sinnfrei. Nicht sinnlos, aber sinnfrei. Je länger ich unterwegs war, umso positiver habe ich die Sache empfunden: Ich war in Bewegung, an der frischen Luft, habe abgenommen und Leute kennengelernt. Im Grunde war es eine Entschleunigungsaktion.

LN: Wann geht's wieder los mit der Waschmaschine?

Bücker:   Das ist ein bisschen schwierig zu organisieren. Ich muss dafür ein paar Wochen Urlaub am Stück bekommen. Nächstes Jahr soll‘s die dritte Tour geben. Die soll uns von West nach Ost über die Alpen führen. Ich fänd‘s auch schön, mit Mikaela in der Gondel auf die Zugspitze zu fahren.

Eine herzerwärmende Geschichte
Ludger Bücker traf eine Entscheidung: Er wollte etwas tun, was vor ihm noch niemand getan hatte. Also wuchtete er seine Waschmaschine auf eine Sackkarre und machte sich auf den Weg. 1200 Kilometer vom Bodensee rheinabwärts bis in den Ruhrpott. Immer mit der Waschmaschine. 38 Tage brauchte der gelernte Krankenpfleger. Unterwegs kam er mit vielen Menschen ins Gespräch.
Darüber hat er ein herzerwärmendes Buch geschrieben. Im Januar erscheint „Mit der Waschmaschine durch Deutschland“, Goldmann Verlag, 318 Seiten, 8,99 Euro.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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