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Meister des schönen Klangs und Dirigent der Einheit

New York Meister des schönen Klangs und Dirigent der Einheit

Kurt Masur starb im Alter von 88 Jahren in einem Krankenhaus in Greenwich.

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Die „Leipziger Sechs“: Kurt Masur (3.v.r.) nutzte das Foyer des Leipziger Gewandhauses im Herbst 1989 für den politischen Diskurs.

Quelle: dpa

New York. Kurt Masur war der wohl bekannteste deutsche Dirigent der Gegenwart. Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren in einem Krankenhaus in Greenwich/Connecticut gestorben.

Ein Weltstar, der alle großen Orchester geleitet hat, der Chefdirigent in New York, Paris und London war und der dennoch immer wieder gern nach Leipzig zurückkehrte. An den Ort, an dem er fast 30 Jahre lang nicht nur musikalisch gewirkt hatte. Als Gewandhauskapellmeister trug Kurt Masur Ende 1989 maßgeblich dazu bei, dass die Proteste gegen das DDR-Regime friedlich blieben und dass die Staatsmacht ebenfalls auf Gewalt verzichtete (siehe Kasten). Kurt Masur war eine Autoritätsperson in der DDR — für Künstler, speziell für Musiker eine eher seltene Eigenschaft. Aber 30 Jahre als gefeierter Gewandhauskapellmeister hatten Masur zu einer Institution in Leipzig gemacht — zum Glück.

Zur Musik kam der 1927 in Brieg (Niederschlesien) geborene Sohn eines Elektroingenieurs auf Umwegen. Als Kind brachte er sich selbst das Klavierspielen bei, er absolvierte aber zunächst eine Lehre als Elektriker und arbeitete in der väterlichen Firma. Das Klavierspiel bedeutete ihm viel, er strebte eine Profikarriere an, bis ihm eine Erkrankung der rechten Hand einen Strich durch die Rechnung machte — so kam Kurt Masur zum Dirigieren.

Nach Kriegseinsatz als Fallschirmjäger studierte er in Leipzig Komposition und Orchesterleitung, beendete das Studium jedoch nicht. Dennoch wurde er rasch Kapellmeister in Halle, es folgten Stationen in Erfurt, Dresden, Schwerin und Berlin, ehe Kurt Masur 1970 zum Kapellmeister des Gewandhauses berufen wurde, der mit dem höchsten Prestige versehenen Position im Musikleben der DDR. Fast 30 Jahre blieb er auf diesem Posten, Masur entwickelte sich zu einem kulturellen Aushängeschild seines Heimatlandes.

Nach der Wende zog es Kurt Masur nach New York, er begann seine späte Weltkarriere als Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra. Seinen Wohnsitz in der Nähe von New York behielt er bei, als er nach London und später nach Paris wechselte.

Kurt Masur war ein sehr deutscher Dirigent. Nicht unbedingt, was sein Repertoire anging, hier standen neben den deutschen Klassikern von Bach bis Beethoven gleichberechtigt zum Beispiel Benjamin Britten und Schostakowitsch. Kurt Masur verkörperte deutsche Tugenden wie Fleiß und Zuverlässigkeit, klanglich setzte er auf Tradition, Experimente waren sein Ding nicht. Und dennoch galt er bei vielen Musikern und Sängern als charismatischer Dirigent, der sich wunderbar in Kompositionen einfühlen und dieses Gefühl auch weitergeben konnte. Im persönlichen Umgang konnte Masur jedoch auch ausgesprochen bärbeißig sein, Interviews mit ihm zu führen war keine leichte Aufgabe.

Ein Meister des schönen Klangs war Kurt Masur, der immer dazu bereit war, seine vielfältigen Erfahrungen an den Nachwuchs weiterzugeben. Auch beim Schleswig-Holstein Musik Festival engagierte er sich und leitete Arbeitsphasen der Orchesterakademie, damals noch auf Schloss Salzau.

In den letzten Jahren ging es Kurt Masur gesundheitlich immer schlechter. 2012 machte er seine Parkinson-Erkrankung öffentlich, bei schweren Stürzen verletzte er sich an der Schulter und an der Hüfte. Sein letztes Konzert dirigierte Kurt Masur im Rollstuhl — ans Aufhören dachte er jedoch nie. „Musik hat mir immer Glück und Freude gebracht“, sagte er einmal in einem Interview. Man glaubte es ihm.

Die Stimme der friedlichen Revolution
9. Oktober 1989, Leipzig. Mehr als 700000 Menschen protestieren auf der Montagsdemonstration gegen die Verhältnisse in der DDR. Um 18 Uhr
ertönt aus 200 Lautsprechern in der Stadt die Stimme von Kurt Masur: „Unsere gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.“
Zusammen mit dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange, dem Theologen Peter Zimmermann und drei Sekretären der SED-Bezirksleitung hatte Masur den „Aufruf der Leipziger Sechs“ verfasst — der Abend gilt als Wendepunkt der friedlichen Revolution. „Es ist nicht mehr nachvollziehbar für jene, die es nicht miterlebt haben, was damals geschehen ist. Man kann es nicht erklären, aber etwas ist geblieben: der Geist der Leipziger Erneuerung“, sagte Masur später in einem Interview. ph

Jürgen Feldhoff

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