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Menschlichkeit, nicht Religion!

Bayreuth Menschlichkeit, nicht Religion!

Premiere in Zeiten des Terrors: Bayreuths neuer „Parsifal“ wird vom Publikum umjubelt.

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Parsifal (Klaus Florian Vogt ) mit den zunächst verschleierten Blumenmädchen im zweiten Akt.

Quelle: Bayreuther Festspiele/enrico Nawrath/dpa

Bayreuth. . Da oben sitzt wer. Links unter der Kuppel von Gisbert Jäkels Bühnenaufbau, der ein Kirchlein im Nordirak oder in Syrien darstellt. Später wird ein Hamam daraus, und wieder sitzt er da, erneut am Ende des dritten Aufzugs, wenn sich die Natur dieses Gebäudes wieder bemächtigt.

LN-Bild

Premiere in Zeiten des Terrors: Bayreuths neuer „Parsifal“ wird vom Publikum umjubelt.

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Eine Puppe scheint es zu sein. Mal wird sie angestrahlt, mal nicht. Es scheint, als habe sie die Hände auf dem Rücken gefesselt. Sie ist das Gesprächsthema in den Pausen dieses „Parsifals“, mit dem am Montag in Bayreuth die 105. Richard-Wagner-Festspiele begannen. Weit mehr als die professionell freundlich durchgeführten Sicherheitskontrollen. Auch mehr als der Wegfall von rotem Teppich und Staats-Empfang aus Respekt vor den Opfern der Gewalttaten der letzten Tage. Ihnen und ihren Angehörigen widmen die Festspiele diese Eröffnungspremiere.

Wer mag er sein, dieser Schemen? Gott persönlich? Vieles am Konzept Uwe Eric Laufenbergs, der statt des geschassten Jonathan Meese mit der „Parsifal“-Regie betraut wurde, deutet in diese Richtung.

Vor allem das Schlussbild: Da versammeln sich Vertreter monotheistischer Religionen um den Sarg Titurels und legen ihre Insignien hinein. Zur Bekräftigung zitiert das Programmbuch den Dalai Lama:

„Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten.“ Was ja grundsätzlich keine Abkehr von Gott bedeuten muss.

Rundum überzeugen kann Laufenbergs Inszenierung nicht. Denn er mag sich nicht entscheiden zwischen Symbolhaftem und Konkretem. Vieles bleibt spekulativ, behauptet, harmlos. Und: Zu vieles navigiert zu nah am Sakralkitsch oder der unfreiwilligen Komik.

Was schade ist, weil Laufenberg manchen seiner Protagonisten durchaus zu Fleisch und Blut verhilft. Klaus Florian Vogt etwa glaubt man den reinen Toren aufs Wort. Ryan McKinny gibt Amfortas als charismatischen Schmerzensmann, szenisch dick aufgetragen und stimmlich kunstvoll ermattet von all seinem Leid. Der erstklassige Gerd Grochowski stattet den entmannten Widersacher Klingsor mit aggressiver Männlichkeit aus. Elena Pankratova bewegt als Kundry auf höchstem technischen Niveau bei Bedarf bemerkenswerte Luftmassen, beherrscht aber auch die Töne des Suchens und der Verzweiflung.

Der Rest vom Sängerfest füllt das Spektrum zwischen grandios (Eberhard Friedrichs Chöre) über erstklassig (Karl-Heinz Lehners Titurel) bis gediegen.

Über allem aber glänzt Georg Zeppenfelds Gurnemanz. Bei dieser Partie laufen die Fäden zusammen. Und so souverän, wie Zeppenfeld dies mit edel tönendem Organ gelingt, so wahrhaftig und präzise, mit so viel Würde und Autorität ausgestattet, aber auch mit so viel Wärme, könnte dieses Bühnenweihfestpiel auch „Gurnemanz“ heißen. Was der im Unklaren lassen muss, weil auch Wagners Worte nicht reichen, bleibt dem Festspielorchester vorbehalten. Wagner hatte bei der Instrumentation die akustischen Besonderheiten des Festspielhauses vom ersten Takt an im Kopf. Und tatsächlich ergibt er sich hier beinahe von selbst, dieser kostbare Mischklang, von dem Komponisten noch heute zehren. Ursprünglich sollte der designierte Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons im Graben stehen. Bekanntermaßen sprang der vor drei Wochen ab, Hartmut Haenchen ein. Eine verdammt kurze Zeit.

Er muss hart ins Steuer gegriffen haben, um den Festspiel-Dampfer auf seinen Kurs zu bringen. Und es grenzt an ein Karfreitags-Wunder, dass davon fast nichts zu hören ist. Von der ersten Linie des Vorspiels an ist er da, der manipulative Zauber der „Parsifal“-Musik, die Aura dieser Oper. Dafür werden Haenchen und das Orchester rückhaltlos bejubelt. Ebenso Zeppenfeld und der phänomenale Chor.

Für Vogt und Pankratova, auch für Grochowski und McKinny fällt die Begeisterung kaum weniger exaltiert aus. Dennoch gibt es auf dem Weg vom Grünen Hügel in die Stadt für viele nur ein Thema: Wer zum Teufel war das da oben?

Richard Wagners Festspiele

In der Provinzstadt Bayreuth konnte Richard Wagner (1813-1883) seine Festspielidee verwirklichen.

1876 organisierte er dort erstmals die Festspiele.  Komplett wurde dabei die Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ aufgeführt. Das Festspielhaus wurde eigens nach den Plänen des Komponisten errichtet. Nach Wagners Tod setzte sich seine Witwe Cosima (1837-1930) erfolgreich für den Festspielbetrieb ein. In der Zeit des Nationalsozialismus erlebten die Richard-Wagner-Festspiele ihr dunkelstes Kapitel. Adolf Hitler war regelmäßig Gast in Bayreuth.

Nach dem Krieg gelang Anfang der 1950er Jahre ein Neustart unter Richard Wagners Enkeln Wieland und Wolfgang Wagner. Nach Wielands Tod 1966 führte Wolfgang Wagner (1919-2010) die Festspiele allein bis 2008. Danach standen seine beiden Töchter Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner an der Spitze. Wagner-Pasquier gab ihren Posten nach der letzten Saison auf.

Das Festival gehört zu Deutschlands wichtigsten kulturellen Ereignissen.

Peter Korfmacher

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