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Meyers Erzählungen

Lübeck Meyers Erzählungen

„Die stillen Trabanten“ heißt das neue Buch von Clemens Meyer – Im Grass-Haus hat er daraus gelesen.

Lübeck. Nein, es geht nicht um DDR-Autos bei den „stillen Trabanten“. Es geht um Menschen, die sich umkreisen, deren Bahnen sich annähern und wieder entfernen. Es geht auch um die kantigen Wohntürme, die in den Städten stehen, an den Rändern meist. Es geht um Leute wie Hamed und seine Freundin, die der Mann aus dem Imbiss kennenlernt, wo es das „Steaksandwich Nine Eleven“ gibt und Teppichboden unter den Füßen, wo Fliesen doch viel besser wären, wie Hamed sagt.

„Die stillen Trabanten“ ist eine der Geschichten in Clemens Meyers neuem Erzählband, sie gibt ihm auch den Titel. Am Mittwoch hat er daraus im Grass-Haus gelesen, in der Reihe „Grass meets Overbeck“.

Es ist sein sechstes Buch nach seinem Debütroman „Als wir träumten“ vor elf Jahren. Sechs Jahre hatte er daran geschrieben, in einer kleinen Zwei-ZimmerWohnung in Leipzig. Und es hat eine Weile gedauert, die mehr als 500 Seiten zu veröffentlichen. Aber nach einer Empfehlung Sten Nadolnys („Die Entdeckung der Langsamkeit“) an den Fischer-Verlag wurde er landauf, landab gefeiert, und dann hat er nicht lange gebraucht, um zu einer festen Größe zu werden in der deutschen Literaturlandschaft.

Clemens Meyers Schreiben nimmt einen recht umstandslos mit beim Lesen. Es entwickelt einen Sog, eine leise Befehlsgewalt. Es ist ein besonderer Sound, der sich nicht aufspielt, der aber auch kein Drama macht aus seiner Lakonik, und das liest sich dann so: „Der Zentralbahnhof liegt still und strahlt die Wärme des Tages ab. Der Himmel zieht zu über der Stadt. Dann sieht’s aus, als würde jemand in den Wolken wühlen.“

Er schreibe zwei, drei Seiten am Tag, sagte er im Gespräch mit dem Grass-Haus-Leiter Jörg-Philipp Thomsa. Mehr sei nicht zu machen. Ideen und Skizzen hält er mit der Hand in Notizbüchern fest. In vielen Notizbüchern, so dass er einen Diebstahl erst bemerkte, als er die Bücher zurückbekam. An den Computer setzt er sich, wenn sich die Geschichte aus dem Nebel zu schälen beginnt. „Sie muss schon da sein, wie in einer Glaskugel. Noch nicht fertig, aber ich muss sie sehen.“ Dann liest er seine Sätze beim Schreiben wieder und wieder, eine ständige Überprüfung ist das, eine Vergewisserung.

„Jeder Punkt und jedes Komma ist da von Bedeutung“, sagte er. Es gehe darum, in einen Sog zu kommen, in einen Rhythmus, wie Rhythmus ja überhaupt ganz wesentlich sei beim Schreiben.

Vor den „Trabanten“ hat er 2013 „Im Stein“ geschrieben, abermals ein Buch von mehr als 500 Seiten, mit dem er seinerzeit auch zu einer Lesung im Buddenbrookhaus war. Jetzt habe er wieder zur kleineren Form finden müssen, sagte er. Zu Erzählungen, die Titel tragen wie „Glasscherben im Objekt 95“ oder „Unterm Eis“. Seine Literatur solle schon in ihrer Zeit spielen, aber auch über sie hinaus weisen. So wie Thomas Manns „Zauberberg“, der ihn anders als die „Buddenbrooks“ über die Maßen begeistert hat: „Ein Universalroman, der alles einfängt und alles verhandelt.“ Und Günter Grass, der andere große Dichter der alten Hansestadt? „Grass“, sagt der Mann aus Leipzig, 39 Jahre alt und Pferdefreund, „den hat man auch gelesen.“

Peter Intelmann

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