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Kultur im Norden Mit Apfelsinen im Haar und an der Hüfte Bananen
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19:12 08.01.2018
Die französische Sängerin France Gall 2012 in Paris. Sie starb im Alter von 70 Jahren. Quelle: Foto: Dpa

Mit Rositas Nonsens-Outfit begann (laut Liedtext) eine Kokos- Garderoben-Welle in Mexiko und der Song wurde fortan Jahr um Jahr aufs Neue von deutschen Karnevalskapellen getrötet. Ein Evergreen bis heute. 1966 bereits war die damals 19-jährige Pariserin nach Deutschland gezogen. Eine Zweitkarriere aus Zufall – auf der Flucht vor einem ungewollten Skandal.

Die blonde Französin mit den Kulleraugen hatte 1965 mit Serge Gainsbourgs Hit „Poupée de cire, poupée de son“ den Grand Prix (heute: Eurovision Song Contest) gewonnen. Gainsbourg schickte dem Lied über die „Puppe aus Wachs, Puppe aus Musik“ das kinderliedhafte „Les Sucettes“ hinterher. Gall glaubte, eine Süßigkeit, den Dauerlutscher, zu besingen, während der für Frivolitäten berüchtigte Gainsbourg anspielungsreich ganz anderes im Sinn hatte – was dem französischen Publikum und Gall selbst erst nach entsprechenden Statements des Chansonniers aufging. Gall tauchte vor Scham wochenlang ab und sang das Lied nie wieder. Während es in den Straßen von Paris noch lange ein Gassenhauer unter spielenden Kindern war.

Im deutschen Westen wurde Gall mit offenen Armen aufgenommen. Das Wirtschaftswunderland fühlte sich seit Elvis Presleys Version von „Muss i denn zum Städtele hinaus“ generell geschmeichelt von deutsch singenden Ausländern, kaufte entsprechende Singles von Johnny Cash, Wanda Jackson und Connie Francis. Und von Gall, deren reizender „accent“ die Teutonen nachhaltig verzückte. Sechs Jahre lang hatte sie Hits wie „Der Computer No. 3“, „Kilimandscharo“, „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte“, „Zwei Verliebte zieh’n durch Europa“ und „Ali Baba und die 40 Räuber“. Sie war Deutschlands französischer Schlagerstar (noch vor Mireille Mathieu), Poster-Girl beim Jugendheftchen Bravo und dessen dreifache Otto-Gewinnerin (zweimal Bronze, einmal Silber). Zugleich blieb sie das ewige Mädchen, Lolita in der Fremde, worunter sie extrem litt, so dass sie 1972 mit dem Gedanken spielte aufzuhören.

Dann hörte sie 1973 die Chansons ihres Lands- und späteren Ehemannes Michel Berger im Radio. Gall kehrte zurück, feierte ein Comeback in Frankreich, konnte ein erwachseneres Image pflegen und brachte sogar den Briten Elton John bei der wunderschönen Ballade „Les Aveux“ (1980) zum Singen auf Französisch.

Während sie in Frankreich bis in die 1990er populär war, geriet sie in Deutschland in Vergessenheit, bis sie 1988 mit „Ella, elle l’a“ zurückkehrte, einer von Michel Berger geschriebenen Hommage an die amerikanische Jazz- und Bluessängerin Ella Fitzgerald. Vier Wochen war Gall noch einmal Nummer eins in Deutschland (zu Hause in Frankreich kam der Song nur auf Platz zwei). 1995 erschien ihr letztes Album „France“.

Nach dem Tod ihrer Tochter Pauline, die 1997 an Mukoviszidose starb, zog Gall sich zurück. Es war die zweite Tragödie, nachdem ihr Ehemann 1992 an Herzversagen gestorben war. Im Dezember 2015 tauchte sie dann mit dem Musical „Résiste“ wieder auf. „Ich bin immer noch da“, sagte sie in einem Interview zu ihrem 70. Geburtstag. Viele Pläne hatte sie, die jetzt nicht mehr verwirklicht werden können.

Am Sonntag starb sie an einer Krebserkrankung. „Es gibt Worte, die man nie aussprechen möchte“, sagte ihre Sprecherin Geneviève Salama der Nachrichtenagentur AFP. „France Gall ist am 7. Januar in das Weiße Paradies gelangt.“

„Meine Platten sind ein Spiegel, in dem mich jeder betrachten kann“, hatte Gall in ihrem Siegerlied „Poupée de cire, poupée de son“ gesungen. Zeit, mal wieder ihre süße, sehnsüchtige Stimme zu hören.

Und sei’s auf der alten roten, schwer verkratzten Decca-Single mit den Apfelsinen im Haar.

LN

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