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Mit Christo übers Wasser gehen

Lübeck Mit Christo übers Wasser gehen

Am 18. Juni startet das nächste Projekt des Verhüllungskünstlers – mit Beteiligung aus Lübeck und Wismar.

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Arbeiter setzen im Januar auf dem Iseo-See Schwimmkörper für die Installation „The Floating Piers“ von Christo zusammen.

Quelle: Wolfgang Volz, Dpa

Lübeck/Wismar. Keine zwei Wochen mehr, dann werden sie übers Wasser gehen, Hunderttausende auf gelben Wegen. Zwischen kleinen Dörfern, die Sulzano, Peschiera und Maraglio heißen und am Iseo-See liegen, oben im Norden Italiens. Am 18. Juni werden die „Floating Piers“ freigegeben, schwimmende Stege, die ein großer Zauberer namens Christo übers Wasser legt. Er hat den Berliner Reichstag verhüllt, er hat Karawanen von Sonnenschirmen durch Japan und Kalifornien laufen lassen, jetzt breitet er schwimmende Stege über einen See, und beteiligt an dem Projekt sind auch Menschen aus Lübeck und Wismar.

LN-Bild

Am 18. Juni startet das nächste Projekt des Verhüllungskünstlers – mit Beteiligung aus Lübeck und Wismar.

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In Lübeck wurden die gelben Stoffbahnen zurechtgeschnitten und vernäht, bei „Geo – die Luftwerker“, einer Firma im Gewerbegebiet Genin (die LN berichteten). Es ist die dritte Zusammenarbeit mit Christo, die Lübecker waren neben einer Arbeit in der Schweiz auch 2013 beim „Big Air Package“ beteiligt, einer gewaltigen weißen Ballonhülle in einem leeren Oberhausener Gasometer. Der dahliengelbe Polyamid-Belag für die Pontons auf dem Iseo-See jetzt sei aber noch mal eine ganz besondere Herausforderung gewesen, sagte Firmenchef Robert Meyknecht.

Der Stoff wird auf gut 200000 schwimmenden Kunststoffwürfeln ausgebreitet, die 16 Meter breit und gut drei Kilometer lang übers Wasser führen und dabei mit Monte Isola und San Paolo auch noch zwei kleine Inseln im See verbinden. Meyknecht ist angetan von dem Projekt, das Christo wie immer mit eigenen Mitteln finanziert: „Es sieht einfach völlig abgeknallt aus.“

Neben den „Luftwerkern“ wirken auch 19 junge Leute aus Wismar mit, Studenten der dortigen Hochschule, und zu verdanken haben sie das ihrer Dozentin Annette Leyener. Sie kennt Christo seit mehr als 30 Jahren und war schon bei zwei seiner Projekte dabei: 1983 bei den „Surrounded Islands“ in Miami und im Jahr darauf bei der Verhüllung des Pont Neuf, der ältesten Brücke von Paris.

Die Teilnahme beim aktuellen Projekt ist über Christos langjährigen Fotografen Wolfgang Volz zustande gekommen. „Wir sind seit Studienzeiten befreundet“, sagt Leyener, die Volz mit einem Augenzwinkern „das Auge Christos“ nennt. „Er hatte mich wegen etwas anderem angerufen, dann haben wir ein bisschen getrickst und schließlich hat es geklappt.“ Das war nicht selbstverständlich, denn der Andrang an Helfern war riesig. „Es gab insgesamt 10000 Bewerber, soweit ich weiß, sind zwischen 800 und 1000 genommen worden“, sagt die Dozentin.

Dass es geklappt hat, darüber freuen sich natürlich auch die Studenten, die in Wismar Kommunikations-Design, Architektur, Innenarchitektur, Licht- oder Produktdesign studieren. „Es ist eine einmalige Chance, vor Ort dabei zu sein und zu sehen, wie das Werk von Christo entsteht“, sagt Pia Mohring (21). Das sieht Paula Ibs-von-Seht genauso. „Wir lernen in den Seminaren zwar etwas über den Künstler, aber die Techniken erschließen sich einem besser, wenn man auch wirklich am Entstehungsprozess beteiligt ist“, sagt die 20-Jährige.

Die Voraussetzungen – schwimmen können, fit sein und 20 Kilo tragen können – erfüllen alle Studenten. Was sie in Sulzano genau machen, wissen sie nicht. „Bisher haben wir noch keine Ahnung, aber das wird sich alles vor Ort klären“, sagt Jonathan Müller.

Am Freitag fuhren sie nach Norditalien und werden bis zum 21. Juni bleiben. Am Tag nach ihrer Ankunft ging es schon los. „Sie bekommen ein Training, damit sie wissen, worauf sie in Sachen Naturschutz, Material und Publikum achten müssen“, sagt Annette Leyener. „Es werden viele Leute vor Ort sein und Fragen stellen, die Studenten müssen dann auch kompetent antworten.“ Auch die Dozentin – selbst Künstlerin – freute sich auf bekannte und neue Gesichter. „Ich werde viele Leute wiedertreffen, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Man lernt aber auch Menschen aus aller Welt kennen.

Für die Studenten ist das eine Möglichkeit, internationale Kontakte zu knüpfen.“

„So etwas macht man nicht jeden Tag“, sagt auch Jonathan Müller. „Es ist sicher gut für den Lebenslauf, aber man ist auch mal zehn Tage von der Uni weg“, fügt er lächelnd hinzu. „Nun hoffen wir nur noch, dass das Wetter gut wird.“

Christos „Floating Piers“ dauern nur 16 Tage, am 3. Juli ist Schluss. Dann ruht wieder still der See.

Stefanie Büssing, Peter Intelmann

Verhüllungskünstler Christo

Der Künstler Christo wurde am 13. Juni 1935 als Christo Wladimirow Jawaschew in Gabrowo (Bulgarien) geboren. Mit sechs Jahren erhielt er seine ersten Zeichen- und Malstunden. Seine Leidenschaft im Umgang mit großen Stoffbahnen entdeckte er während seiner Jugendzeit in der Fabrik seines Vaters. Christo studierte von 1953 bis 1956 an der Akademie der Künste Sofia. Nach einem Semester an der Akademie der bildenden Künste Wien und einem Aufenthalt in Genf ging Christo im März 1958 nach Paris. Dort begann er auch Alltagsgegenstände zu verhüllen. Bekannt wurden 1958/59 Christos „Verpackte Dosen und Flaschen“, die er mit harzgetränkter Leinwand umgab, verschnürte und mit Leim, Firnis, Sand und Autolack behandelte.

Gemeinsam mit Ehefrau Jeanne-Claude († 18. November 2009) verwirklichte Christo ab 1961 unzählige Projekte, darunter die Verhüllung des Berliner Reichstags, die Verhüllung des Pont Neuf in Paris sowie die „Wrapped Walk Ways“, eine Verhüllung von Wegen im Loose Park in Kansas City (USA).

LN

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