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Kultur im Norden Mit Cindy nach Vulgarien
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18:16 18.02.2016

Lübeck. Es dauert keine fünf Minuten, da hat sie schon die erste Sauerei unters Volk gebracht. Und im Grunde geht es dann immer so weiter. Aber da sitzt ja auch keine Cinderella auf der Bühne, da sitzt Cindy. Und zwar nicht Cindy aus Versehen oder Cindy aus Mitleid, sondern Cindy aus Marzahn (Foto), ein ganz besonderer Adel. Sie ist bekannt, sie hat einen Ruf zu verlieren.

Und es sieht nicht so aus, als würde es an diesem Abend im vollbesetzten MuK-Foyer soweit kommen.

Da hockt sie also, eine Frau im rosafarbenen Jogginganzug, ein Traum in Pink, so wie ein Berg Marshmallows auch ein Traum in Pink sein kann. Sie kämpft gegen die Umstände und ihre Konfektionsgröße und pendelt von der Stimmung her zwischen Empörung und Verachtung. Sie ist zu Hause in einem gut gelaunten Ihr-könnt-michmal, und wenn ihr etwas nicht passt, so wie die Frau von der Arbeitsagentur, wird diese, sagen wir, „weggeschraddelt“.

Sie kommt auf die Bühne, redet erst mal drauflos, und dann macht sie einfach so weiter. Sie erzählt aus ihrem Leben, von ihrem Alltag. Vom Pupsen und ihrer Verdauung, von den Weight Watchers, „Warmwassersuppe“ und Kassenpatienten. Von ihrem Freund Rico, der im offenen Vollzug ist, aber noch mal verlängert hat. Von ihrem Bett erzählt sie, einem Futon, also von „Louis Futon“, und der Enkel Kevin-Margot spielt auch noch mit. Wasserstandsmeldungen aus den sozialen Überschwemmungsgebieten sind das, und es sind meist keine guten. Die Fluten steigen immer höher.

Es ist einiges los in diesem Marzahner Leben und dann wieder doch nicht. Es mäandert so dahin, von einer Kalamität zur nächsten, von groben Fahrlässigkeiten zu fahrlässigen Grobheiten. Und ständig zieht die Schwerkraft an ihrem Gewicht, sie redet immer wieder davon. Sie kommt vom Hundertsten zum Tausendsten, biegt regelmäßig ab nach Vulgarien, und das vorwiegend junge Publikum ist sehr entschlossen, sich zu amüsieren. Es ist ein Giggeln und Prusten im Saal, ein Fiepen und Johlen, und Kinder mit in die Vorstellung zu nehmen war ganz sicher keine gute Idee.

Cindy pöbelt und schweinigelt sich durchs Programm, eine Frau auf schwankendem Posten, die sich die Butter nicht vom Brot nehmen lässt und die grobe Leberwurst auch nicht. Man wird nicht recht schlau aus dieser Figur, man weiß nicht, wo ihre Erfinderin Ilka Bessin (44) hinwill mit ihr. Und als sie nach der Pause zu so etwas wie einer tatsächlichen Klage gegen die Zustände anhebt und Lieder mit arg selbst ausgesägten Texten singt, da wird es erst recht unübersichtlich. „Das Leben ist ein hartes Brot“, sagt sie. „Aber es muss gegessen werden.“ Ja, so ist das wohl. int

LN

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