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Kultur im Norden „Mit Leidenschaft und Augenmaß“
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18:12 02.01.2018
Politiker auf dem Balkon, ratlos: Vertreter von Union und Grünen während der gescheiterten Sondierungsgespräche im Oktober in Berlin. Quelle: Foto: Bernd Von Jutrczenka/dpa

Als einer der Väter der deutschen Soziologie seinen legendären Vortrag hielt, lag Deutschland danieder. Der Erste Weltkrieg war verloren. Eine überschaubare Anzahl von Demokraten kämpfte mit revanchistischen alten Eliten der Kaiserzeit und harten, illusionslosen kommunistischen Revolutionären um die Macht. Das Großartige an dem Text, den Weber aus acht Stichwortzetteln in freier Rede entwickelte und der dann mitstenographiert wurde, ist der Versuch, das realistische Bild des Berufspolitikers zu entwerfen, wie ihn ein demokratisches Deutschland braucht. Weber ist so wunderbar wirklichkeitsnah. Er zeichnet weder das Traumbild eines Politikers aus dem Lehrbuch, noch verfällt er in die Rolle des Zynikers, der in der Politik nur die Verschwörung dunkler, anonymer Kräfte am Werke sieht.

Politik ist für Weber das „Streben nach Macht“, also nach der „Leitung oder Beeinflussung der Leitung“ eines Landes. Die Sehnsucht nach Opposition, die grundsätzliche Ablehnung des Regierens, die langen, zähen Sondierungen oder Koalitionsverhandlungen, die am Ende doch noch scheitern, kannte die junge Weimarer Demokratie noch nicht.

Der nach wie vor wichtigste und gerade in politischen Krisen gültige Teil von Webers Vortrag beschäftigt sich mit den ethischen Fragen der Machtausübung. Drei Qualitäten sind nach Weber für einen Politiker entscheidend: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Doch mit der „bloßen, als noch so echt empfundenen Leidenschaft ist es freilich nicht getan. Sie macht nicht zum Politiker, wenn sie nicht als Dienst in einer Sache, auch die Verantwortlichkeit gegenüber dieser Sache zum entscheidenden Leitstern des Handelns macht. Und dazu bedarf es des Augenmaßes, der Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, also: der Distanz zu den Dingen und Menschen.“

Dann kommt Weber zu seiner vielleicht am meisten zitierten Schlussfolgerung: Politik bedeutet beim echten Politiker „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß

zugleich“. Überhaupt wird dieser Vortrag an geflügelten Worten nur von Goethe- oder Shakespeare-Dramen übertroffen: sei es nun die „sterile Aufgeregtheit“ politisierender Literaten, die „Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte“, die Deutschland bevorstehe, oder die Erkenntnis: „Alle Parteikämpfe sind nicht nur Kämpfe um sachliche Ziele, sondern vor allem auch: um Ämterpatronage.“

Die wichtigste Tugend eines Politikers ist nach Weber Verantwortungsgefühl. Er unterscheidet „gesinnungsethisches“ und „verantwortungsethisches“ Handeln. Die gesinnungsethische Maxime erläutert er religiös: Ein „Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim“. Anders der Verantwortungsethiker: Er stellt ins Zentrum seines Denkens, dass er für die voraussehbaren Folgen seines Handelns aufzukommen hat. Weber kommt zu dem konsequenten Schluss: „Nur wer sicher ist, dass er nicht daran zerbricht, wenn die Welt von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, (. . .) nur der hat den ,Beruf‘ zur Politik.“

Was würde Max Weber zur heutigen politischen Situation sagen? Wahrscheinlich würde er die Politikverdrossenheit geißeln und sich über sie lustig machen. Anfang des Jahres 2018 ist das deutsche politische System weit weniger stabil als in den vergangenen sechzig Jahren. Manches erinnert an die Weimarer Republik. Bei sieben Parteien im Deutschen Bundestag, von denen man mindestens zwei für eine Regierungsmehrheit braucht, geht es nicht ohne manchmal zermürbende Kompromisse.

Der Konflikt zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik ist aktueller denn je: Christian Lindners „Besser nicht regieren als falsch regieren“ ist pure Gesinnungsethik. Aber auch bei der Sehnsucht der SPD nach der Opposition ist das ethisch reine Motiv wichtiger als das Resultat des politischen Handelns. Andererseits: Politische Parteien sind ohne Gesinnung nicht denkbar. Und die Leidenschaft, ohne die es auch nicht geht, ist unter der Kanzlerin Angela Merkel vielleicht etwas zu kurz gekommen.

„Politik als Beruf“ von Max Weber, 96 Seiten, Reclam 1992, drei Euro

Tod durch die Spanische Grippe

Max Weber (1864-1920) gilt als einer der Gründungsväter der deutschen Soziologie. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft, Ökonomie und Philosophie macht er schnell wissenschaftliche Karriere und erhält Professuren in Berlin, Freiburg, Heidelberg und München. Wegen Überarbeitung und einer psychischen Erkrankung geht er vorzeitig in den Ruhestand.

Aus seinem umfangreichen Werk bleiben die Aussagen zu Politik und Wissenschaft als Beruf („Wissenschaft verträgt keine Werturteile“) und die These, dass die protestantische Ethik eine wichtige Triebkraft des Kapitalismus war.

1918 ist Weber Mitbegründer der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei. 1920 stirbt er an der Spanischen Grippe. Sein Bruder Alfred Weber (1868-1958) ist als Nationalökonom und Soziologe bekannt geworden.

Christian Schwandt

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