Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Mit Liedern gegen das Böse

New York Mit Liedern gegen das Böse

Die Folk- und Protestsängerin Joan Baez wird heute 75 Jahre alt.

Voriger Artikel
Konzertreigen mit Wumms
Nächster Artikel
Herr der Rhythmen und Töne

Joan Baez und Bob Dylan 1963 auf dem Civil Rights March nach Washington. Beide waren damals auch privat liiert.

Quelle: Fotos: Dpa

New York. Das waren noch Zeiten, damals in den späten 1960er Jahren. Da glaubte man noch, dass man mit Protestsongs die Welt verändern könne. Und die sang niemand damals so schön pathetisch wie Joan Baez. Heute wird sie 75 Jahre alt. Die Welt hat sich zwar nicht zum Besseren gewandelt, aber Joan Baez singt immer noch.

Die gebürtige New Yorkerin kam aus der Folk-Bewegung, genau wie ihr späterer Lebensgefährte Bob Dylan. Beim Folk-Festival in Newport 1959 hatte sie ihren ersten ganz großen Auftritt, ein Jahr später erschien ihre erste LP, die ein großer Erfolg wurde. Joan Baez stand damals in der Tradition von Sängern wie Woody Guthrie oder Pete Seeger, die alle davon überzeugt waren, dass man mit Liedern etwas bewegen kann. Mit Liedern gegen Krieg oder Rassentrennung, gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

Joan Baez wurde rasch zu einer Ikone dieser Multi-Widerstandsbewegung. Wer ein gesetzteres Alter erreicht hat, erinnert sich noch an diese Abende mit großen Mengen preiswerten Rotweins und schwarzen Zigaretten, an denen immer irgendeiner zur Gitarre griff und Songs von Joan Baez (oder von Bob Dylan) anstimmte. Das waren eben noch Zeiten.

Joan Baez hatte damals wirklich etwas zu sagen, ihr Engagement gegen den Vietnamkrieg zum Beispiel war echt und überzeugend. In Woodstock 1969 protestierte sie gegen den Krieg, Weihnachten 1972 sang sie in einem Luftschutzbunker in Hanoi, während ringsherum amerikanische Bomben einschlugen. Immer wieder waren auch Gewerkschaftssongs in ihrem Repertoire, das Lied von Joe Hill, dem nach einem dubiosen Mordprozess 1915 hingerichteten radikalen Gewerkschafter, zum Beispiel. Und als der Ku-Klux- Klan in den Südstaaten schwarze Kirchen abfackelte, sang Joan Baez das Lied vom „Drugstore Truckdriving Man“, der sich am Abend in einen Klansman verwandelt und Untaten begeht.

Einen ihrer größten Erfolge erzielte sie natürlich auch im Kampf gegen das Böse. Der Song „Here‘s to you“ aus dem Film „Sacco and Vanzetti“ von 1971 über die ebenfalls nach einem mehr als fragwürdigen Prozess exekutierten Anarchisten, für den sie den Text und Ennio Morricone die Musik schrieb, wurde ein Hit (die deutsche Fassung schrieb Franz Josef Degenhardt).

Joan Baez wurde rasch ein internationaler Star. Auch in Deutschland gab es viele Fans und Nachahmer, die meinten, den Kampf gegen den Kapitalismus mit der Gitarre aufnehmen zu müssen. Franz Josef Degenhardt wandelte sich vom genialen Bänkelsänger zum platten DKP-Barden, Hannes Wader ebenso und Dieter Süverkrüp hat eh nie etwas anderes gemacht. Die BRD war eben schlecht, die DDR das Paradies aller Werktätigen. So weit gegangen wie Joan Baez mit ihrem Auftritt in Nordvietnam ist allerdings keiner der Herren Salonbolschewisten. Wie großartig es in der DDR zuging, merkten sogar Degenhardt &

Co, als ihr Ost-Kollege Wolf Biermann kurzerhand vor die Tür gesetzt wurde. Kritik war eben nicht gleich Kritik, Protest schon überhaupt nicht.

Aber zurück zu Joan Baez. Sie ist sich treu geblieben über die Jahrzehnte hinweg, und sie sieht schwarz, was Gegenwart und Zukunft des Protestsongs angeht. „Die Leute wünschen sich die 60er zurück, aber das wird nicht passieren“, sagte sie neulich in einem Interview. Die antikapitalistische Occupy-Bewegung etwa habe jahrelang versucht, ein Kampflied für ihre Aktivisten zu schreiben — vergeblich. Damals in den 60ern seien die politischen Ereignisse, gegen die man protestierte, viel weniger gesplittet gewesen als heute. Gegen den Vietnamkrieg etwa habe es weltweit Proteste gegeben, nicht nur in den USA.

Aber ganz so düster muss man die Situation des musikalischen Protests auch nicht sehen. Einige Rapper setzen mittlerweile nicht mehr nur auf Provokation, sondern auf konkreten Protest. Sänger wie J.

Cole („Be free“) sehen sich durchaus in der Tradition von Joan Baez, sogar von Alicia Keys gibt es Protestsongs wie „We Gotta Pray“. Ob diese Lieder die Durchschlagskraft von „We shall overcome“

erreichen werden, darf bezweifelt werden. Mit diesem Song trat Joan Baez 2010 im Weißen Haus vor Präsident Obama auf. Das passte irgendwie. Und irgendwie trifft auch der Satz von Karl Marx auf Joan Baez zu: „Die Kritik ist keine Leidenschaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft.“

In der rechten Szene blüht die „Kunst“ des völkischen Protestsongs
Auch böse Menschen haben Lieder. Und deshalb gibt es Protestsongs auch aus dem rechten und ultrarechten politischen Lager. Die Rechtsrock-Szene hat dabei die seltsamsten Sumpfblüten hervorgebracht. In rechten Kreisen legendär war die Band mit dem widerlichen Namen „Zillertaler Türkenjäger“ — bis heute ist nicht bekannt, wer wirklich dahinter steckte. Dann gab es noch „Die faschistischen Vier“ oder „Kraft durch Froide“, allesamt Combos, die neonazistisches Gedankengut in musikalischen Formen präsentierten, die eng mit dem frühen Punkrock verwandt waren. Das Genre existiert noch immer, bei einschlägigen Festivals treten immer wieder neue Bands auf, deren Halbwertzeit allerdings meistens sehr kurz ist.


Neben den Rechtsrock- und Hate-
Core-Bands gab und gibt es immer wieder Solisten, die großen Erfolg in der rechtsradikalen Szene haben. Frank Rennicke etwa. Zwei Mal trat er für die NPD als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten an. Seine Lieder im Stil von Reinhard Mey bringen Antiamerikanismus, Kritik an „Überfremdung“ und Hymnen an Kameradschaft und holde Maiden in eine Verbindung, die immer wieder haarscharf an einem juristischen Verbot entlanggleiten. Frank Rennickes weibliches Pendent ist Annett Müller. Früher trat sie im Dirndl und mit blonden Zöpfen auf, mittlerweile gibt sich jetzt mit schwarz gefärbten Haaren eher als rechte „Rock-Rebellin“. Sie protestiert gegen das Elend deutscher Kinder — schuld daran sind aus ihrer Sicht die vielen Ausländer.

Jürgen Feldhoff

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden