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Kultur im Norden Mit Mantel und Degen
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18:12 12.07.2018
Guter Dinge: Schulrektor Holger Zebu Kluth (56). Er wuchs in Bad Schwartau auf, in Lübeck ging er zum Gymnasium. Quelle: Fotos: Dpa

Sie tragen Mantel und Degen, die Luft riecht streng nach Turnhalle. Alexandros und Yanina duellieren sich. „Ihr macht den Angriff zur Second“, ruft der Lehrer der Gruppe zu. Die nächste Übung. Die Mäntel wehen, die Klingen klirren. „Du hast mich zweimal abgestochen“, sagt Alexandros. Er lacht. Es ist alles nur Theater.

Jan Josef Liefers, Devid Striesow, Nina Hoss – viele Schauspieler haben an der ErnstBusch- Schule in Berlin ihr Handwerk gelernt, und viele ehemalige Schauspielschüler schwärmen noch heute von ihrer Ausbildungszeit. Jetzt tut sich an der „Busch“ einiges. Ein Besuch.

Alexandros Koutsoulis (22) und Yanina Cerón Klewer (23) lernen Fechten, was traditionelles Bühnenhandwerk ist. Die beiden sind Schüler an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“.

Die „Busch“ ist eine der ersten Adressen für Schauspieler, ihr Ruf legendär. 1100 Bewerber gibt es jedes Jahr, 25 werden genommen. Jan Josef Liefers, Julia Jentsch, Devid Striesow, Sandra Hüller, Karoline Herfurth, Lars Eidinger, Henry Hübchen, Corinna Harfouch waren dort – und noch viele andere, die man aus Film und Fernsehen kennt. Die Schauspielerin Gerit Kling (53) sagt: „Meine Zeit an der ,Busch‘ war sehr prägend und mit die schönste Zeit in meinem Leben.“

Wie viel Schweiß und Zweifel dazugehören, hat der Regisseur Andres Veiel 2004 in seiner Langzeit-Doku „Die Spielwütigen“ erzählt, die den Nachwuchs über sieben Jahre begleitete. „Ich könnte nie in ein Büro gehen“, sagt darin Constanze Becker, damals 19 Jahre alt. Ein paar Jahre später wurde sie „Schauspielerin des Jahres“.

Die Schule sitzt wie zu DDR-Zeiten in Niederschöneweide draußen an der Spree. Es ist ein in die Jahre gekommener Zweckbau mit Resten von Ost-Charme. Innen riecht es nach altem Linoleum. Im Garten sieht es zwischen kaputten Plastikstühlen, leeren Flaschen und Tischtennisplatte aus wie nach einer WG-Party. Mit Klebeband hat jemand mit Sinn für Ironie „Hollywood“ an die Fassade geschrieben.

Die „Busch“, das ist ein Stück Ost-Stolz, der auch an den Theatern von Berlin bis heute mitschwingt. Die Geschichte der Schule geht ins Jahr 1905 zurück, als der Intendant Max Reinhardt die erste deutsche Schauspielschule gründete. Sie hat als eine von wenigen Institutionen aus der DDR die Wendezeit gut überstanden und strahlt weit über Berlin hinaus.

Lange wurde um einen Neubau gerungen. Der wird wie vieles in Berlin später fertig und mit 44 Millionen Euro deutlich teurer als geplant. Im August ziehen Schauspiel, Regie, Puppenspiel und Tanz unter ein Dach in Berlin-Mitte, dort, wo früher die Opernwerkstätten waren.

Rektor Holger Zebu Kluth (56) ist neu im Amt, noch kennt er seine 300 Studenten nicht alle persönlich. „Die größte Baustelle ist die Baustelle“, sagt er. Sein Plan: Die vier bisher über die Stadt verstreuten Sparten mit ihrer unterschiedlichen Geschichte sollen zusammenwachsen. Kluth ist in Bad Schwarrau geboren, in Lübeck besuchte er das Thomas-Mann-Gymnasium, er war einer der Gründer der Berliner Sophiensäle und leitete den Hamburger Theaterbetrieb, zu dem auch die Kammerspiele gehören.

Das Konzept von Theaterleuten, dass man Menschen „brechen“ und neu zusammensetzen muss, damit sie Großes leisten, hält Kluth für 70er Jahre und passé. Zu lernen, wie man sich auf der Bühne verhält, ist eine sehr körperliche, manchmal peinliche, manchmal knisternde Sache. Kluth sagt, die Studierenden könnten damit untereinander gut umgehen. „Problematisch wird es erst, wenn all die Formen von Körperlichkeit mit einem Machtgefälle verbunden sind.“

Kluth leitet die Schule in einer Zeit, in der die Generation Instagram auf die Bühne kommt. Er hat gehört, dass die Fernsehsender die Schauspieler auch nach der Zahl der Follower besetzen. Es bringt Quote, wenn jemand im Netz für einen Film wirbt. Und es sind die Zeiten von Netflix, Amazon und Serienhype. Aber er nimmt es mit Fassung: „Da entwickelt sich ein interessantes Feld von Fernsehschauspielerei.“

Bei solchen Rollen hilft das Bühnenhandwerk. Das wird an der „Busch“ gelehrt, mit Sprecherziehung und deutscher Verssprache. Manchmal kommen die Studenten erst um 23 Uhr nach Hause. Schauspieler wird man nicht ein bisschen. Es ist ein „Alles-Oder- Nichts-Beruf“, wie Alexandros Koutsoulis bei der Fechtstunde erzählt. „Was wir haben, ist wie ein Erwachsenenkindergarten“, sagt Yanina Cerón Klewer über die Schule.

Fechten, das klingt altmodisch. Zumal Nacktszenen heute häufiger sein dürften als Schwertkämpfe. Aber es ist ein Weg, ein gutes Körpergefühl im Spiel mit dem Partner zu bekommen: Wie setze ich die Füße richtig, wie wehre ich ab. „Ich will, dass sie spielen“, sagt Fechtlehrer Thilo Mandel (49).

Am Ende der Stunde versammelt er die Gruppe um sich. Mandel ist wehmütig. Es ist die letzte Stunde in den alten Räumen. Im nächsten Semester kommt beim Fechten die Kür, sagt Mandel. „Ich freue mich auf euch im neuen Haus – jetzt raus!“

Von Caroline Bock

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