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Mit Sprache gegen Gewalt und Hass

Mit Sprache gegen Gewalt und Hass

Für ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden erhält die Publizistin und Kriegs-Reporterin Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Frankfurt/Leipzig . „Ich bin so erstaunt wie beglückt. Und ich finde es eine ungeheure Ehre, in eine Reihe mit denen gestellt zu werden, die den Preis vor mir bekommen haben. Martin Buber, Jürgen Habermas, David Grossman, Susan Sontag – das sind Figuren, die mich heute eher demütig fühlen lassen“, freute sich Carolin Emcke gestern. Die 48-jährige Journalistin und Publizistin wird in diesem Jahr für ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

 

LN-Bild

Carolin Emcke berichtete aus vielen Krisengebieten der Welt.

Quelle: dpa

„Ich war immer dankbar, Europäerin sein zu dürfen.“ Carolin Emcke

Emcke setze sich schwierigen Lebensbedingungen aus und beschreibe auf sehr persönliche und ungeschützte Weise, wie Gewalt, Hass und Sprachlosigkeit Menschen verändern können, begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf seiner Hauptversammlung in Leipzig seine Entscheidung. Der mit 25000 Euro dotierte Preis wird am 23. Oktober zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche in Frankfurt verliehen.

„Dem Hass begegnen lässt sich nur, in dem man die Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt. Es gilt zu mobilisieren, was dem Hassenden abgeht: die Fähigkeit zu Ironie, zu Zweifeln und nicht nachlassender Differenzierung“, schreibt sie auf ihrer Homepage. Emcke, die in Mülheim an der Ruhr geboren wurde und in Berlin lebt, hat unter anderem als Redakteurin beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (1998 bis 2006) und als freie Autorin für die „Zeit“ gearbeitet. Für die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt sie eine wöchentliche Kolumne.

In Artikeln und Essays berichtet sie aus Krisen- und Kriegsgebieten, etwa aus Afghanistan, Pakistan, Irak und dem Gaza-Streifen. Aus Briefen entstand 2004 ihr erstes Buch „Von den Kriegen – Briefe an meine Freunde“. Für einen Essay über die Rote Armee Fraktion, der auch als Vorlage für ihr Buch „Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF“ diente, erhielt sie den Theodor-Wolff- Preis. Viel Aufmerksamkeit erhielt ihr Essay „Wie wir begehren“ (2012), in dem sie sich mit der Entdeckung ihrer eigenen Homosexualität befasste.

Der S. Fischer Verlag, bei dem Emckes Bücher seit 2004 erscheinen, hat die Autorin als „intellektuelle Ausnahmefigur in Deutschland“ gewürdigt. In ihrem Denken und Schreiben vereine sie theoretische Reflexion mit Anschauung und Praxis wie kaum sonst jemand. Der Gewalt setze Emcke die Sprache entgegen.

Ihre Auszeichnung mit dem Friedenspreis sei „eine wunderbare, richtige Wahl“. Mit analytischer Empathie appelliere Emcke an das Vermögen aller Beteiligten, zu Verständigung und Austausch zurückzufinden, urteilte der Börsenverein. Ihr Werk werde somit Vorbild für gesellschaftliches Handeln in einer Zeit, in der politische, religiöse und kulturelle Konflikte den Dialog oft nicht mehr zulassen. „Sie beweist, dass er möglich ist, und ihr Werk mahnt, dass wir uns dieser Aufgabe stellen müssen“, heißt es in der Würdigung.

Auch am gestrigen Brexit-Tag plädierte sie für mehr Toleranz und Dialog. Sie hätte sich gewünscht, dass die Nachricht von ihrem Preis „nicht auf einen Tag fällt, der so traurig für Europa ist“. Ihr ganzes Leben lang sei sie sehr dankbar dafür gewesen, Europäerin sein zu dürfen. „Und ich fürchte, vielleicht haben wir das auch ein bisschen zu selbstverständlich genommen. Ich gehöre ja zu einer Generation, die Europa nicht erringen musste, sondern der es geschenkt worden ist. Ich habe mir dieses Privileg, in Europa leben zu dürfen, durch nichts verdient.“ Nun sei es an der Zeit, Europa zu verteidigen gegen diejenigen, die es „mit ihrem Nationalismus und ihren Ressentiments unterwandern“. Aus ihrer Sicht brauche es mehr Dialog. „Wir werden alle Argumente und alle Leidenschaft auffahren müssen gegen den Fetisch des Reinen, den alle Fanatiker kultivieren.“

Es gebe keine homogenen Kulturen oder Nationen. Deshalb fordert Emcke ein aufgeklärtes Plädoyer für offene, säkulare, inklusive Demokratien, die die Freiheit derer schützen, die abweichen von irgendeiner Norm. Gleichwohl gelte es, die demokratische Entscheidung zu akzeptieren „Aber wir müssen weiter darum ringen, was Europa sein kann und welche Versprechen noch unerfüllt geblieben sind.“

Zu diesen Versprechen zählt sie die alten Ideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die seien für viele Ausgeschlossene immer noch bloße Versprechen.

„Europa kann nur überzeugen, wenn es die eigenen demokratischen Defizite selbstkritisch betrachtet, wenn es sich um mehr Inklusion, nicht weniger bemüht, wenn es mehr Religionsfreiheit verwirklicht, nicht weniger, wenn es unter dem Eindruck des Terrors den Rechtsstaat verteidigt, nicht aushöhlt, wenn es der Einladung zu Ressentiment und Gewalt widersteht mit allen politischen, künstlerischen, sozialen Mitteln.“

Der Friedenspreis

Der Preis geht an Persönlichkeiten, „die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen“ haben. Mit der Auszeichnung werden seit 1950 Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland geehrt.

Carolin Emcke ist erst die neunte Frau, die mit dem Preis geehrt wird. Die bisherigen Preisträgerinnen waren die Schriftstellerinnen Nelly Sachs, Astrid Lindgren, Assia Djebar, Susan Sontag, Swetlana Alexijewitsch, die Journalistin Marion Gräfin Dönhoff sowie die Wissenschaftlerinnen Annemarie Schimmel und Alva Myrdal.

LN

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