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Mit Trump im Kaspertheater

Mit Trump im Kaspertheater

Hamburg. Der neue König ist eitel. Und er ist laut. Er wickelt sich in einen edlen Hermelinmantel und singt Popsongs, zum Beispiel „Holding Out for a Hero“ von Bonnie Tyler oder „One of us“ von Joan Osborne.

Einer von uns ist der Kerl aber sicherlich nicht, er ist von anderen auf den Thron gehoben worden, er ist ordinär, hat eine komische Frisur und punkt auf der Bühne herum. Regisseur Falk Richter lässt am Hamburger Schauspielhaus zunächst den belgischen Schauspieler Benny Claessens als König agieren, einen etwas adipösen Mann, der später auch als Wutbürger seinen Hass auf alle Korrektheit ausspuckt. Schreihälse sind beide Figuren.

 

LN-Bild

Alles andere als glanzvoll: Frank Willens ist einer der Könige auf der Bühne.

Quelle: Foto: Arno Declair

Richter hatte am vergangenen Wochenende das Privileg, Elfriede Jelineks neuen Theatertext als Uraufführung zu inszenieren. „Am Königsweg“ habe die Literaturnobelpreisträgerin bereits am Abend, an dem Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt wurde, begonnen, versichert der Rowohlt- Verlag. Und natürlich meint Jelinek mit ihrem König vor allem diesen Trump, auch wenn der Name nie fällt. In zweiter Linie dürfen sich auch die anderen populistischen Herrscher in Europa und sonstwo karikiert fühlen.

„An mir sieht man, wie Gewalt auf Gewalt in mir trifft, die immer vorhanden ist, und wartet, bis sie raus darf“, sagt der exemplarische Jelinek-König. Zu Beginn allerdings war die altehrwürdige Burgschauspielerin Ilse Ritter als Stimme der Autorin und Seherin in festlicher Robe aufgetreten und hatte vor dem neuen Gott gewarnt, der eine strahlende Zukunft voraussagt, doch alle nur blendet.

Die Autorin lässt „König Ödipus“ von Sophokles aufscheinen, doch bei ihr nimmt sich nicht der in Urschuld verstrickte König das Augenlicht, das Volk sticht sich die Augen aus. 

Elfriede Jelinek schreibt eigentlich seit vielen Jahren am selben Theatertext. Er türmt sich auf zu einer wortmächtigen Abhandlung, durchsetzt von Sprachspielen, aber ohne Entwicklung von Charakteren. Sie hat darin klar definierte Gegner: die rechten und tölpeligen Politiker ihrer österreichischen Heimat. Aus den Konvoluten müssen sich die Regisseure Bilder für die Bühne basteln, Personen erfinden, denen sie die Jelinek-Stimmen leihen.

Daraus können stimmige Theaterabende voller Widerhaken werden wie zuletzt bei der Uraufführung des Flüchtlingsstücks „Die Schutzbefohlenen“ durch Nicolas Stemann am Thalia-Theater in Hamburg; es kann aber auch eine rätselhafte Materialschlacht entstehen wie jetzt bei Richters „Am Königsweg“. Er meint wohl, dem Rasen der Worte mit rasenden Bildern beikommen zu können – und lässt eine nervöse Dia-Schau die Kulisse entflammen. Die Lichtbilder sind indes so flüchtig wie die Worte. Und dass ein hyperaktiver Mann auf der Bühne zwischen Stühlen, Tischen und Polstern zappelt, unterstützt die Konzentration des Publikums nicht. Gestalten aus der Muppet-Show tauchen auf als knallharte Abgesandte der Unterhaltungsindustrie. Pferd, Löwe, Tiger und Nashorn sollen bildhaft für die „großen Tiere“ stehen (oder auch nicht), dazu gibt es den „jungen weißen Mann“, der das Erscheinen des Königs erst möglich gemacht hat und der den Abgehängten eine Stimme geben will.

Um den Unterhaltungswert seiner Jelinek-Revue weiter anzuheben, hat Falk Richter die Kabarettistin Idil Baydar integriert, die als türkischstämmige Proll-Frau Ayse das feine Theaterpublikum im Originalton Berlin-Kreuzberg über seine evolutionären Defizite aufklärt: „Wer hilft euch bei eurer Entwicklung? Ich!“ Comedy, Kaspertheater, Trash- und Hochkultur geben sich die Hand auf der überdekorierten Bühne, man ist ständig gefordert und überfordert mit dem Versuch der Dechiffrierung.

Mit den Versprechen „Wir haben ausgeredet“ und der Beschwerde „Man hat uns das Wort abgeschnitten“ von sechs zunächst provozierend stummen Personen ist nach der Pause noch lange nicht Schluss, das sind Fake News, es gibt noch viel zu zetern. Bis dann nach dreieinhalb Stunden Ilse Ritter die Altersklage der Jelinek vorträgt und man begreift: Das Hauptproblem der soeben 71 Jahre alt gewordenen Autorin ist ihre eigene Vergänglichkeit, die für sie dadurch unerträglich wird, dass die Welt mit ihrem Tod nicht untergeht, sondern ihre Gegnerschaft fröhlich weiterexistiert. „Hören Sie lieber nicht auf mich“ sind letzte Worte, dann hat man Richters Bildorgie hinter sich und die Antwort darauf, was dieser Theaterabend dem überwiegend Trump-feindlichen Publikum mit auf den Heimweg geben will, noch vor sich.

Nächste Vorstellungen: 3. 11. um 20 Uhr, 26. 11. um 17 Uhr.

Von Michael Berger

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