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Mit der Premiere von „Der ferne Klang“ gelingt dem Theater Lübeck große Oper

Lübeck Mit der Premiere von „Der ferne Klang“ gelingt dem Theater Lübeck große Oper

Eine solch opulente Opernpremiere hat es am Theater Lübeck lange nicht gegeben. „Der ferne Klang“, ein Werk des Österreichers Franz Schreker und zuvor noch nie in Lübeck gespielt, wurde in der Regie von Jochen Biganzoli bei der Premiere am Sonnabend stürmisch bejubelt.

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Raffinierter Pausenfüller: Die „Kurtisanen“ aus der Operninszenierung mischten sich in den Pausen unter das Publikum.

Quelle: Fotos: Steffen Gottschling, Lutz Roessler

Lübeck. Die etwas krude Geschichte um die unglückliche Liebe zwischen der Tochter eines Alkoholikers und einem Komponisten mit zweifelhafter Zukunft setzt der Regisseur, der zuletzt in der Beckergrube mit „Lady Macbeth von Mzensk“ großen Erfolg hatte, in klare Bilder um – zumindest meistens. Denn was sich Biganzoli für die Bespielung der Pause zwischen den ersten beiden Akten hat einfallen lassen, sprengte den Rahmen „normaler“ Inszenierungen.

Aber der Reihe nach. Komponist Fritz verabschiedet sich von seiner Grete, um in die Welt hinaus zu gehen und nach dem fernen Klang zu suchen, der sein musikalisches Werk zieren soll. Grete bleibt in ihrem kargen Elternhaus zurück – schon in seiner Anmutung ein Ort des Schreckens. Bühnenbildner Wolf Gutjahr hat einen kahlen Kasten auf die Bühne gestellt, der auch durch Spiegelungen in Videoeinspielungen nichts von seiner bedrückenden Enge verliert. Als Fritz Grete verlassen hat und ihr Vater sie dann auch noch im Spiel an den schmierigen Gastwirt verliert, flüchtet sie in den Wald, wird aber durch die Schönheit der Mondnacht vom Selbstmord abgehalten. Wie Biganzoli die Szenen mit Gretes Eltern und den Saufkumpanen des Vaters inszeniert, ist präzise und eindringlich, die unerträgliche Atmosphäre dieses „Elternhauses“ vermittelt sich dem Zuschauer intensiv. Ein großartiger erster Akt.

Zur Pause wird das Publikum in die Foyers gebeten, um sich dort den gebotenen Annehmlichkeiten hinzugeben. Die Darsteller, alle tragen Spiegelsonnenbrillen, mischen sich unter das flanierende Publikum und reichen Sekt, dazu wird gesungen, es werden Texte von Karl Kraus und Otto Weininger zitiert – Schreker wird sie gekannt haben. Durch geschickte Beleuchtung entsteht eine Atmosphäre wie auf einem Geisterschiff – das führt passgenau in den zweiten Akt, der auf einer Insel vor Venedig spielt.

Grete hat es zur Edel-Kurtisane gebracht, die „Herren“ in großer Abendgarderobe umringen die schöne Frau, die schließlich im zerfetzten Kleid auf der Bühne steht. Das ist wunderbar zurückhaltend inszeniert, Jochen Biganzoli zeigt keine Perversitäten, aber jeder weiß, worum es geht. Fritz taucht in der Gesellschaft auf und stößt Greta von sich, als er erkennt, was aus ihr geworden ist.

Im dritten Akt, der fünf Jahre später spielt, ist aus Greta wieder Grete geworden, sie ist zur Straßendirne herabgesunken. Biganzoli lässt das Orchester auf der Bühne sitzen, dort wird die tragische Nachtmusik gespielt, und der Kasten aus dem ersten Akt ist nun die Kantine des Theaters, im dem Fritz‘ erste Oper „Die Harfe“ uraufgeführt wird. Grete ist bei der Aufführung anwesend, sie erlebt aber nicht mehr mit, wie der dritte Akt und damit das ganze Stück gnadenlos durchfällt. Die seelische Belastung war zu groß für sie. Und dennoch kommt sie zum verzweifelten Fritz zurück, sie erkennen endlich beide, dass sie füreinander geschaffen sind. Das sind Szenen von tiefster Innigkeit, traumhaft schönes Theater, das mit dem Tode von Fritz endet.

Musikalisch ist es ein Abend der Extraklasse. Man muss Schrekers Musik wahrlich nicht mögen, aber welche Facetten Dirigent Andreas Wolf aus dieser über weite Strecken öden Partitur herausholt, ist bewundernswert. Die Philharmoniker spielen in sehr guter Form, vom zarten Piano bis in die glutheißen, donnernden Fortissimi. Auch Chor und Extrachor, einstudiert von Jan-Michael Krüger, boten Überdurchschnittliches.

Unter den Solisten ragen die beiden Protagonisten Cornelia Ptassek (Grete) und Zoltán Nyári (Fritz) heraus. Cornelia Ptassek verfügt über eine hell timbrierte Sopranstimme, die sie ausgezeichnet führt. Nyári zeichnet sich durch Präzision und Präsenz aus – auch für ihn gab es großen Applaus. Die vielen Nebenrollen erhielten Luxusbesetzungen. Johan Hyunnbong Choi als Graf und Schauspieler ist eine feste Größe im Ensemble, er agierte sehr eindringlich. Taras Konoshchenko als Gastwirt ist wunderbar schmierig und abstoßend.

Die Qualitäten von Gerard Quinn sind bekannt, sein Winkeladvokat tendierte großartig zwischen Schmierigkeit und Reue. Überzeugend auch Steffen Kubach, Wioletta Hebrowska, Caroline Nkwe, Evmorfia Mataxaki und Emma McNairy, die drei letzten als verführerische Kolleginnen von Greta.

Ein großer Abend für das Theater Lübeck, der den unglücklichen Saisonauftakt mit der dünnen „Carmina“ vergessen ließ.

Wiederentdeckung eines Großen seiner Zeit

Franz Schreker (1878-1934) galt in den 1920er Jahren in Deutschland als einer der wichtigsten Opernkomponisten nach Wagner. Die Werke des Österreichers wurden zeitweise häufiger aufgeführt als die seines gefeierten Zeitgenossen Richard Strauss. Schreker studierte Komposition in Wien, in Berlin leitete er von 1920 bis 1931 als Direktor die Akademische Hochschule für Musik.

Die Nationalsozialisten diffamierten seine Kompositionen als „entartet“; nach 1933 gerieten sie nahezu in Vergessenheit.

 Jürgen Feldhoff

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