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„Mit der Stimme arbeiten ist wie Segeln“

Lübeck „Mit der Stimme arbeiten ist wie Segeln“

Die international gefeierte Sopranistin Manuela Uhl ist seit Kurzem Professorin in Lübeck. Jetzt tritt sie erstmals beim Brahms-Festival auf.

Lübeck. Manuela Uhl ist eine Weltbürgerin. Soeben kommt sie von einer Probe in München. Allerdings nicht, weil sie in München demnächst eine Aufführung hätte, sie bereitete sich dort vielmehr auf eine Opernrolle in Japan vor. Weil sie in Lübeck ihre Lehrverpflichtungen nicht vernachlässigen will — Manuela Uhl ist hier seit vergangenem Herbst Gesangsprofessorin —, fand die Probe für Tokio eben in Deutschland statt.

Wer den Terminplan der Sopranistin auf der Internetseite operabase.com aufruft, entdeckt, dass sie viel an der Deutschen Oper Berlin engagiert ist, dass sie an den Opernhäuser in Hamburg und Dresden gastiert aber auch an entfernten Orten wie dem Theatro Municipal de São Paulo, dem Teatro Real de Madrid oder der koreanischen Nationaloper in Seoul.

Die Rollen, die sie singt, deuten auf eine strenge Spezialisierung auf das romantische Repertoire hin: Richard Wagner, der von Sängerinnen große dramatische Stimmen fordert, und Richard Strauss, der in Wagners Tradition steht. In der Rolle der Chrysostemis veredelte sie die Inszenierung der Strauss-Oper „Elektra“ vor wenigen Jahren am Theater Lübeck.

Erst Architektin,

dann Sopranistin

Man sollte meinen, solch eine Musikkarriere sei durchchoreografiert. Nicht bei Manuela Uhl. Sie studierte, parallel zu Gesang in Salzburg und Zürich, Architektur in Konstanz. „Kaum hatte ich begonnen im Architekturbüro in Freiburg zu arbeiten, ergab sich unverhofft die Möglichkeit, am Stadttheater vorzusingen. Ich wurde sofort engagiert. Mein Leben hat sich unerwartet grundlegend geändert.“

Schon bei ihrem ersten Engagement an der Oper Karlsruhe wurde entdeckt, dass ihre Stimme trägt. „Das merkt man eben erst, wenn man mit einem großen Orchester probt.“ „Eigentlich kam ich aus der Alten Musik, Richard Strauss interessierte mich damals nicht besonders. Aber mit der Rolle der Daphne begann dann meine große Liebe zur Spätromantik.“

Bei der Eröffnung des diesjährigen Brahms-Festivals wird Manuela Uhl allerdings Beethoven singen — aus dessen einziger Oper die Leonoren-Arie „Abscheulicher! Wo eilst Du hin“. Sie kennt die Rolle von einem Engagement in Tokio.

Wie ist es für eine Gesangsprofessorin, am Unterrichtsort auch vor Studenten aufzutreten? „Ich habe schon Herzklopfen. Der relativ kleine Raum ist akustisch natürlich anders, als eine Opernbühne mit Strauss-Orchester davor. Ich sehe hier das Publikum — das ist in der Oper nicht gegeben, dort fühle ich mich oft allein und unbeobachtet.“ Sie wolle versuchen, sich auf den kleinen Raum einzustellen, der zwar Großer Saal genannt wird, aber für Opernverhältnisse doch sehr beschränkt ist.

Ausschnitte aus der Monooper „Das Tagebuch der Anne Frank“ (siehe rechts oben) wird Manuela Uhl dann einige Tage später dort singen, wo sonst Chorproben stattfinden — in der Holstenhalle auf der der Hochschule gegenüber liegenden Seite der Trave.

„Ich habe das Stück in meiner Zeit in Karlsruhe kennengelernt“, sagt sie. „Mich hat damals die in Musik verwandelte Poesie sehr angesprochen.“ Sie habe diesen Stoff für das Brahms-Festival aber vor allem deshalb gewählt, weil er zum Motto „Verwandlungen“ passe. „Der eigentliche Hauptdarsteller ist bei unserem Vortrag nicht Anne, sondern das Tagebuch“, gibt Manuela Uhl zu bedenken. „Wir werden die Ausschnitte halb szenisch aufführen, meine Klasse wird mitspielen. Die Studentinnen und Studenten werden sozusagen als Bühnenbild agieren. Wir wollen versuchen, die Atmosphäre der Enge im Hinterhaus, in dem Anne Frank sich mit ihrer Familie versteckt hatte, herzustellen.“

Wenn der Wind

von vorne kommt

Manuela Uhl kommt ursprünglich aus der Bodenseeregion. Mit ihrem Mann Hans-Jürgen Mende, Moderator bei NDR-Kultur, und den drei Söhnen lebt sie jetzt im Kreis Plön. Da, wo sie herkommt, hatte sie ein Segelrevier, in ihrer neuen Heimat segelt sie weiterhin mit Leidenschaft.

Und sie weiß die Verbindung zwischen Hobby und ihrem Beruf exakt zu benennen: „Mit der Stimme zu arbeiten, ist wie Segeln gegen den Wind. Man hat ein Ziel, kann es aber nicht direkt ansteuern. Man muss also kreuzen. Das heißt, man navigiert von einer Tonne, also von einer Etappenzielvereinbarung, zur nächsten und kommt auf diese Art seinem Ziel immer näher. Ich habe stets Lehrer gefunden, die mir dabei geholfen haben. Von ihnen habe ich gelernt, selbst zu steuern.“

Nachwuchssorgen habe die Opernbranche nicht, der Andrang auf die Studienplätze sei enorm. Kann sie jungen Menschen empfehlen, eine Opernkarriere anzustreben? Manuela Uhl sagt dazu: „Auf Nachfrage würde ich keinem jungen Mädchen raten, Opernsängerin zu werden. Man muss den inneren Drang selbst spüren. Man muss das drängende Bedürfnis haben, etwas ausdrücken zu wollen.“

Von Michael Berger

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