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„Mit der Stimme arbeiten ist wie Segeln“

Lübeck „Mit der Stimme arbeiten ist wie Segeln“

Manuela Uhl ist eine Weltbürgerin. Soeben kommt sie von einer Probe in München. Allerdings nicht, weil sie in München demnächst eine Aufführung hätte, sie bereitete ...

Lübeck. Manuela Uhl ist eine Weltbürgerin. Soeben kommt sie von einer Probe in München. Allerdings nicht, weil sie in München demnächst eine Aufführung hätte, sie bereitete sich dort vielmehr auf eine Opernrolle in Japan vor. Weil sie in Lübeck ihre Lehrverpflichtungen nicht vernachlässigen will — Manuela Uhl ist hier seit vergangenem Herbst Gesangsprofessorin —, fand die Probe für Tokio eben in Deutschland statt.

 

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Die Sopranistin Manuela Uhl ist spezialisiert auf spätromantische Opernrollen, doch sie ist nicht einseitig: Sie hat zusätzlich zur Musik Architektur studiert — und sie ist begeisterte Seglerin.

Quelle: Thorsten Wulff
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Stammt aus einer hoch musikalischen Familie: Hildegard Niebuhr (24).

Quelle: Olaf Malzahn
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Die Sopranistin Manuela Uhl ist spezialisiert auf spätromantische Opernrollen, doch sie ist nicht einseitig: Sie hat zusätzlich zur Musik Architektur studiert — und sie ist begeisterte Seglerin.

Quelle: Thorsten Wulff

Wer den Terminplan der Sopranistin auf der Internetseite operabase.com aufruft, entdeckt, dass sie viel an der Deutschen Oper Berlin engagiert ist, dass sie an den Opernhäuser in Hamburg und Dresden gastiert aber auch an entfernten Orten wie dem Theatro Municipal de São Paulo, dem Teatro Real de Madrid oder der koreanischen Nationaloper in Seoul.

Die Rollen, die sie singt, deuten auf eine strenge Spezialisierung auf das romantische Repertoire hin: Richard Wagner, der von Sängerinnen große dramatische Stimmen fordert, und Richard Strauss, der in Wagners Tradition steht. In der Rolle der Chrysostemis veredelte sie die Inszenierung der Strauss-Oper „Elektra“ vor wenigen Jahren am Theater Lübeck.

Erst Architektin,

dann Sopranistin

Man sollte meinen, solch eine Musikkarriere sei durchchoreografiert. Nicht bei Manuela Uhl. Sie studierte, parallel zu Gesang in Salzburg und Zürich, Architektur in Konstanz. „Kaum hatte ich begonnen im Architekturbüro in Freiburg zu arbeiten, ergab sich unverhofft die Möglichkeit, am Stadttheater vorzusingen. Ich wurde sofort engagiert. Mein Leben hat sich unerwartet grundlegend geändert.“

Schon bei ihrem ersten Engagement an der Oper Karlsruhe wurde entdeckt, dass ihre Stimme trägt. „Das merkt man eben erst, wenn man mit einem großen Orchester probt.“ „Eigentlich kam ich aus der Alten Musik, Richard Strauss interessierte mich damals nicht besonders. Aber mit der Rolle der Daphne begann dann meine große Liebe zur Spätromantik.“

Bei der Eröffnung des diesjährigen Brahms-Festivals wird Manuela Uhl allerdings Beethoven singen — aus dessen einziger Oper die Leonoren-Arie „Abscheulicher! Wo eilst Du hin“. Sie kennt die Rolle von einem Engagement in Tokio.

Wie ist es für eine Gesangsprofessorin, am Unterrichtsort auch vor Studenten aufzutreten? „Ich habe schon Herzklopfen. Der relativ kleine Raum ist akustisch natürlich anders, als eine Opernbühne mit Strauss-Orchester davor. Ich sehe hier das Publikum — das ist in der Oper nicht gegeben, dort fühle ich mich oft allein und unbeobachtet.“ Sie wolle versuchen, sich auf den kleinen Raum einzustellen, der zwar Großer Saal genannt wird, aber für Opernverhältnisse doch sehr beschränkt ist.

Ausschnitte aus der Monooper „Das Tagebuch der Anne Frank“ (siehe rechts oben) wird Manuela Uhl dann einige Tage später dort singen, wo sonst Chorproben stattfinden — in der Holstenhalle auf der der Hochschule gegenüber liegenden Seite der Trave.

„Ich habe das Stück in meiner Zeit in Karlsruhe kennengelernt“, sagt sie. „Mich hat damals die in Musik verwandelte Poesie sehr angesprochen.“ Sie habe diesen Stoff für das Brahms-Festival aber vor allem deshalb gewählt, weil er zum Motto „Verwandlungen“ passe. „Der eigentliche Hauptdarsteller ist bei unserem Vortrag nicht Anne, sondern das Tagebuch“, gibt Manuela Uhl zu bedenken. „Wir werden die Ausschnitte halb szenisch aufführen, meine Klasse wird mitspielen. Die Studentinnen und Studenten werden sozusagen als Bühnenbild agieren. Wir wollen versuchen, die Atmosphäre der Enge im Hinterhaus, in dem Anne Frank sich mit ihrer Familie versteckt hatte, herzustellen.“

Wenn der Wind

von vorne kommt

Manuela Uhl kommt ursprünglich aus der Bodenseeregion. Mit ihrem Mann Hans-Jürgen Mende, Moderator bei NDR-Kultur, und den drei Söhnen lebt sie jetzt im Kreis Plön. Da, wo sie herkommt, hatte sie ein Segelrevier, in ihrer neuen Heimat segelt sie weiterhin mit Leidenschaft.

Und sie weiß die Verbindung zwischen Hobby und ihrem Beruf exakt zu benennen: „Mit der Stimme zu arbeiten, ist wie Segeln gegen den Wind. Man hat ein Ziel, kann es aber nicht direkt ansteuern. Man muss also kreuzen. Das heißt, man navigiert von einer Tonne, also von einer Etappenzielvereinbarung, zur nächsten und kommt auf diese Art seinem Ziel immer näher. Ich habe stets Lehrer gefunden, die mir dabei geholfen haben. Von ihnen habe ich gelernt, selbst zu steuern.“

Nachwuchssorgen habe die Opernbranche nicht, der Andrang auf die Studienplätze sei enorm. Kann sie jungen Menschen empfehlen, eine Opernkarriere anzustreben? Manuela Uhl sagt dazu: „Auf Nachfrage würde ich keinem jungen Mädchen raten, Opernsängerin zu werden. Man muss den inneren Drang selbst spüren. Man muss das drängende Bedürfnis haben, etwas ausdrücken zu wollen.“

„Das Hohe, das Schwere — ich liebe das“

Lübeck. Mozart stand auf dem Programm, Tschaikowski, ein Violinsolo von Richard Strauss, sieben Minuten lang und furchtbar virtuos. Hildegard Niebuhr hatte nicht viel Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Dann war auch noch ihr Lehrer krank geworden und die Konkurrenz groß. Und in der Jury in Wien saßen Experten von Rang und von Namen. Aber die Experten nickten. Sie hoben die Daumen. Und dann war sie Konzertmeisterin des Gustav Mahler Jugendorchesters, einer Versammlung von Hochbegabten aus ganz Europa. Es ist eine große Ehre, eine große Chance.

Und es ist eine große Herausforderung. Mit 24 spielt sie die erste Geige in einem Orchester von mehr als hundert Musikern, schon seit dem vergangenen Jahr. Sie führt, sie darf Ansagen machen, sie spielt die Soli und ist die Schaltstelle zwischen Orchester und Dirigent. Jetzt waren sie gerade wieder unterwegs, zweieinhalb Wochen Proben in Abu Dhabi, dann Konzerte quer durch Europa, die ersten unter Christoph Eschenbach. Das aber läuft nebenher, es ist die Kür. Im wahren Leben studiert Hildegard Niebuhr Geige an der Musikhochschule in Lübeck. Und sie gehört zu jenen, die ganz aufgehen in dem, was sie tun. Sie wollte im Grunde nie etwas anderes machen.

Sie war drei, als sie mit zwei Stiften in der Hand vorm Weihnachtsbaum stand und tat, als spiele sie Geige. Sie war fünf, als sie tatsächlich damit begann. Und sie war 15, da hatte sich das auf dem Musikgymnasium in Weimar längst verfestigt zu einer Perspektive.

Hildegard Niebuhr stammt aus Leipzig und vor allem aus einer musikalischen Familie. Ihr Vater lehrt zwar Theologie, ihre Mutter aber ist Cellistin im Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks.

Der Großvater war Dirigent, der Urgroßvater Komponist. Ein Bruder spielt Geige, die Schwester Cello, nur der kleine Bruder studiert Architektur.

Sie selbst ist seit viereinhalb Jahren in Lübeck und wegen Thomas Brandis gekommen, ihrem Geigen-Professor. Sie hatte ihn in einem Meisterkurs kennengelernt. Als er im Sommer aufhörte zu unterrichten, wechselte sie zu Daniel Sepec. Bei ihm will sie nach dem Bachelor im Mai auch das Masterstudium beginnen.

Geige, ja warum Geige? Weil sie so viel zulässt, sagt sie. Weil es die Tiefen gibt, in die man hinabsteigen kann, und die Höhen, die nach oben kaum Grenzen setzen. Weil dieser Raum so viele Möglichkeiten bietet, so viele Herausforderungen, und weil sie Herausforderungen mag. „Die vielen Töne, das Hohe, das Schwere — ich liebe das“, sagt sie. Es ist wie ein Sog, sieben Tage die Woche, sie kommt da nicht mehr raus. Und sie hat nichts dagegen.

Auch gibt es so viele Werke für die Geige, sagt sie, von der Alten bis zur Neuen Musik. Klarinettisten zum Beispiel könnten nie Bach spielen, sie täten ihr leid. Wenn sie aber selbst Bach spielt, den Thomaskantor aus ihrem Leipzig, dann ist sie ganz bei sich und alles an seinem Platz. Dann schwingen die Dinge in einem großen Einklang und haben ihre gute Ordnung. int

Beim Brahms-Festival wird Hildegard Niebuhr am Donnerstag, 28. April, bei Werken von Anton Webern, Joseph Lanner und Rico Gubler zu hören sein (19.30 Uhr, Großer Saal Musikhochschule).

Oper für eine Stimme

Manuela Uhl wird im Rahmen des Brahms-Festivals Ausschnitte aus der Monooper „das Tagebuch der Anne Frank“ singen. „Monooper“ bedeutet dass es nur eine Rolle in dem Drama gibt.

Der Russe Grigori Frid (1915- 2012) hat das Werk für Sopran und Kammerorchester komponiert, im Chorsaal der Holstentorhalle wird eine Fassung mit Klavierbegleitung aufgeführt.

In knappen Bildern werden Szenen aus dem Leben des jüdischen Mädchens geschildert, das sich vom 6. Juli 1942 bis zur Verhaftung durch die Gestapo am 4. August 1944 mit seiner Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hielt. „Geburtstag“, „Am Fensterchen“, „Traum“ , „Razzia“ oder „Einsamkeit“ sind die Szenen überschrieben. Das Libretto, das fast wörtlich aus dem Tagebuch Anne Franks übernommen wurde, wird in eine musikalisch-lyrische Erzählung integriert, die versucht, der dichterischen Ausdruckskraft des Mädchens Rechnung zu tragen.

„Tagebuch der Anne Frank“, Sonnabend, 30. April, 22 Uhr, Holstenhalle

Von Michael Berger

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