Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Augustbirnbäume und Dauerlutscher
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Augustbirnbäume und Dauerlutscher
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:46 01.12.2018
„Ich würde sagen, es ist ein melancholisches Buch“:Dörte Hansen Quelle: Sven Jaax
Lübeck

Am 4. Dezember (19.30 Uhr) liest Dörte Hansen auf Einladung des Günter-Grass-Hauses und der Overbeck-Gesellschaft in den Kammerspielen des Theaters Lübeck. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft.

Haben Sie als Kind auch mit der Schubkarre auf den Bücherbus gewartet wie Gönke Boysen in Ihrem Roman?

Die Wirklichkeit war härter! Als ich in Gönke Boysens Alter war, durfte man bei der Fahrbücherei Nordfriesland nur so wenige Bücher ausleihen, dass man sie locker unter den Arm klemmen konnte. Ich weiß nicht mehr, wie viele ich maximal ausleihen durfte, aber es waren NIE genug für zwei Wochen. Ich wäre garantiert mit der Schubkarre gekommen, wenn man mich gelassen hätte!

Bei all dem Neid, der Missgunst und der sozialen Kontrolle, die Sie in Brinkebüll beschreiben – ist es wirklich so schade, dass die alten Dörfer verschwinden?

Neidisch? Missgünstig? So sehe ich die Brinkebüller überhaupt nicht! Die soziale Kontrolle gab es natürlich, aber es gab auch Wege, sich ihr zu entziehen, zum Beispiel indem man seine heimlichen Aktivitäten in die Mittagsstunde verlegte. Aber natürlich war absolut nicht alles gut in den alten Dörfern! Viele Neuerungen waren dringend notwendig: Ohne den Bildungsboom und die Emanzipationsbewegung der 1960er und 1970er Jahre hätte ich als nordfriesische Handwerkertochter sicher kein Abitur gemacht.

Dorferneuerung

Mittagsstunde heißt der neue Roman von Dörte Hansen (54). Es ist ihr zweiter nach dem ungeheuer erfolgreichen Debüt mit „Altes Land“ von 2015. Er steht erneut ganz oben in den Bestsellerlisten und widmet sich wieder dem Leben auf dem Land. Brinkebüll heißt das fiktive Dorf in Nordfriesland, das es so aber überall gibt. Dörte Hansen beschreibt, wie sich die alten Strukturen auflösen und was das mit den Menschen macht. In Nordfriesland ist sie aufgewachsen, und dort lebt sie mit ihrer Familie jetzt wieder. Vor der Zeit als Autorin war sie Journalistin. „Mittagsstunde“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Hannelore Hoger.

In der Stadt mit all der vermeintlichen Freiheit scheint es aber auch nicht viel besser zu sein.

Für Freiheit zahlt man immer einen Preis!

Zeitalter fingen an und endeten, so einfach war das“, schreiben Sie am Schluss Ihres Buches. Ist es wirklich so einfach?

Nein, mein Protagonist braucht eine lange Zeit, bis er begreift, was da mit seinem Dorf passiert. Dass da wirklich eine ganze Welt verschwindet, dass die Ära der Sesshaftigkeit zu Ende geht. Es ist vielleicht mit allen großen Fragen so: Wenn man sie erst einmal für sich geklärt hat, erscheinen sie plötzlich ganz einfach.

Sie leben wieder nahe Ihrem Heimatort bei Husum. Was gibt es oder was finden Sie dort, das es anderswo nicht gibt?

„Da schwang etwas in ihm, wenn er durch diese Landschaft fuhr.“ So geht es Ingwer Feddersen in meinem Buch. Mir geht es auch so.

Sind die Dörfer, ist das Land heute auf einem guten Weg?

Ich habe den Eindruck, dass der tote Punkt in vielen Dörfern überwunden ist. In meinem Heimatdorf zum Beispiel gibt es zwar keinen Laden mehr, keine Schule, keine Kneipe, aber es ziehen wieder junge Familien in den Ort. Die Dorfvereine sind sehr aktiv, und neulich las ich in der Zeitung, dass nach langer Zeit jetzt wieder eine Landjugendgruppe gegründet wurde.

Ist es im Zeitalter von Facebook, Google & Co. nicht eigentlich egal, ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt?

Naja, wenn man den ganzen Tag nur vor sich hin googelt, Fotos postet oder Freundschaftsanfragen beantwortet, dann ist es tasächlich vollkommen egal, wo man lebt!

Was vermissen Sie aus dem Dorf Ihrer Kindheit am meisten?

Ich vermisse die Augustbirnenbäume, die Dauerlutscher von „Krüschen Koopmann,“ und die Turnstange, die mein Vater für uns geschweißt hatte.

Die alten Ulmen standen da „wie abgedankte Könige“ und die Kühe wie „Melancholiker an Bahnsteigkanten“ – das sind wunderbare Bilder. Sind die plötzlich da? Fahren Sie über Land und suchen danach? Oder schleifen Sie so lange am Text, bis sie zum Vorschein kommen?

Ich gehe, laufe, radele jeden Tag durch diese Landschaft, und sie überrascht mich immer wieder. Manchmal fällt mir unterwegs ein Bild ein, das ich mir notiere, aber das meiste entsteht tatsächlich in der Schleiferei am Schreibtisch.

Bleibt das Manuskript dann erst mal für eine Weile in der Schublade, bevor Sie sich endgültig daran machen?

Nein, in der Schublade liegt es nicht. Ich habe am Anfang eine Art sprachlichen Wühltisch in meinem Rechner, eine Textdatei mit Halbsätzen, Stichwörtern, Zitaten, Sachtext-Auszügen, Zeitungsartikeln usw., die ich dann nach und nach in einen Erzähltext verwandle.

Wenn man Ihr Buch als eine nostalgische Erinnerung missverstünde: Darf der Leser das? Oder träfe es Sie nach der jahrelangen Arbeit schon sehr hart?

„Nostalgisch“ wäre nicht so schlimm. „Sentimental“ träfe mich schon härter. Ich habe diesen Roman mit einer gewissen Wehmut geschrieben. Ich würde sagen, es ist ein melancholisches Buch, das die Vergangenheit aber nicht verklärt. Das hoffe ich zumindest!

Sie sprechen Plattdeutsch mit Ihrem Mann und Ihrer Tochter. Nur mit Ihnen? Schon immer? Und warum?

Ich bin mit plattdeutschen Eltern und Geschwistern aufgewachsen, mein Mann spricht praktischerweise auch platt, die meisten Nachbarn ebenfalls. Unsere Tochter kennt es nicht anders. Für uns ist es die ganz normale Alltagssprache.

Peter Intelmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Zum Finale war die Stimmung wie auf einem Konzert: Das Publikum klatschte, jubelte und wollte das Ensemble nicht gehen lassen. Die Premiere des diesjährigen Weihnachtsstückes war ein voller Erfolg.

30.11.2018

Premiere am Theater Lübeck: „Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu“.

29.11.2018

Nach Anfängen beim Spielclub am Theater Lübeck ist Paula Kober jetzt Schauspielerin an einer der renommiertesten deutschen Bühnen.

03.12.2018